Berufswahl muss auf Anhieb sitzen und perfekt sein – mein Beitrag zum Jahr der Berufsorientierung

Gepostet am 13. Januar 2014 in Blog, Meine Meinung

Jo Diercks hat 2014 zum Jahr der Berufsorientierung erklärt. Da bin ich gerne dabei. Erstens spielt Berufswahl in meinem Buch „Mythos Fachkräftemangel“ natürlich eine Rolle. Ich erzähle zum Beispiel, warum der Gärtner auf Platz 1 aller Empfehlungen im BiZ landet und warum Stiftung Warentest zum BiZ meint „Berater müssen nachsitzen“. Zweitens haben Kathinka Alexandrow und ich 2007 die YOUNECT GmbH gegründet, um Berufswahl für Schüler zu verbessern. Zusammen mit Dr. Tatjana Schnell von der Universität Innsbruck entwickelten wir Kompetenztests speziell für Schüler. Der EntscheiDUmat hilft bei Entscheidungen. Besonders stolz sind wir auf die „Sonnenseiten und Seufzer“ von Berufstätigen zu 241 Berufen. YOUNECT gewann damit 2008 das Finale des Web 2.0 Startup Awards. 30.000 Schüler suchten 2009/2010 über uns einen Ausbildungsplatz. Heute sagen wir nüchtern, wir haben unser Ziel nicht erreicht.

Wer suchet, der findet

Man könnte verzweifeln. Es ist doch alles da! Das Web ist voller Tipps, Berufe-Videos, Geschichten von Berufstätigen und Recrutainment von Cyquest und Young Targets. Trotz aller Angebote kennen Schüler nicht mal ein Prozent der 345 Ausbildungsberufe, 900 dualen Studiengänge und 16.286 Studiengänge. Der Überblick ist selbst für Fachleute anspruchsvoll und für Lehrer, Eltern und Schüler unmöglich. Jeder Schüler sitzt mit dem Smartphone direkt an der Quelle. Aber Schüler und Eltern können gar nicht gezielt suchen, solange sie nichts von diesen 17.531 Wegen zum Beruf wissen. Ein Teufelskreislauf.

Zuvielitis verzögert die Wahl

Das Dilemma: „Sie sind jung und schlau, aber ratlos“ schreiben Miriam Hollstein und Thomas Vitzthum. Martin Krengel meint: „Berufswahl. Hilfe, ich kann mich nicht entscheiden“. Warum ist das so? Zwei Experimente – ein Ergebnis: „Die Zuvielitis“! Kunden konnten 24 Marmeladensorten kosten, damt sie diese Marmelade kaufen. Aber nur drei Prozent griffen spontan zu. Im zweiten Versuch gab es nur sechs Marmeladensorten, und 30 Prozent der Tester kauften ein Glas. Martin Krengel berichtet im Spiegel, dass Studenten, die 30 Themen zur Auswahl hatten, seltener ihr Essays abgaben als Studenten mit sechs Themen zur Wahl. Krengel: „Im Kern liegt unser Luxusproblem in der ‚Zuvielitis‘. Wer die Wahl hat, schiebt diese auf. Junge Menschen möchten keine falschen Entscheidungen treffen und sich alle Optionen offenhalten.“ Das berichten auch Hollstein und Vitzthum: „Total unentschlossen“ ist Damla. Und Caroline: „Ich habe lange überlegt, bin aber zu keiner Entscheidung gekommen.“ Gleichzeitig ist deren Stimmung: „Scheitern verboten, Ausprobieren verboten.“ Berufswahl muss auf Anhieb sitzen und perfekt sein.

„Scheitern verboten“ ist gescheitert

Die Realität zeigt, Abbruch ist normal. Barbara Gillmann schreibt im Handelsblatt: „Im Schnitt brechen 28 Prozent der Studenten ab. In Ingenieurwissenschaften sind es […] 40 bis 50 Prozent, in Maschinenbau und Elektrotechnik geben gar 53 Prozent aller Uni-Studenten auf.“ Der Abbruch dualer Ausbildungen liegt bundesweit bei 25 Prozent – im Gastgewerbe bis zu 50 Prozent – und kostet Ausbildungsbetriebe laut BiBB rund 580 Millionen Euro pro Jahr. Und das ist erst der Anfang, denn Abbrüche gibt es selbstverständlich auch im Job. Philipp Steuer bloggt: „Warum ich nicht mehr für Google arbeite“ und Anneli Botz sagt im Interview mit W&V: „Dass der kulturelle Anspruch nicht dem meinigen genügte, war eine Sache, die ich erst mit der Zeit über meinen Job und auch über mich herausgefunden habe.“

Punktuelle Instant-Entscheidung

Versagt Schule als Vermittlerin des Wissens über Berufe? Es gibt Tausende sehr engagierte Lehrer. Die Mittelschule am Schlossberg in Regenstauf bietet ihren Schülern eine ausgeprägte Berufsorientierung. Ich meine, dass Berufswahl inhaltlich kaum zum schulischen Lehrplan passt. Ein Überblick über alle Berufe ist drin. Aber schnell mal den Beruf gewählt, das funktioniert nicht. Um 9 Uhr kommt ein Mitarbeiter der Agentur für Arbeit in die Klasse. Er legt Infomaterial aus und beantwortet alle Fragen. Im Anschluss fragt der Lehrer seine Schüler: „Na? Habt ihr euch entschieden?“ Solange Berufswahl als punktuelle Instant-Entscheidung verstanden wird, bleibt es bei der hohen Zahl von frustrierten Abbrüchen. Viele merken erst im Studium und in der Ausbildung: „Das passt gar nicht zu mir.“ Einmalige Events werden in ihrer Wirkung überschätzt, denn Berufswahl ist ein Prozess. Der Wunsch „Ich will Mechatroniker werden!“ kann sich über Monate hinziehen. Häufig wird der erste, zweite und dritte Berufswunsch verworfen. Es sind Kennlernprozesse, Erfahrungsprozesse, Entscheidungsprozesse. Die brauchen Zeit. Aber „Es fehlte die Zeit, zu fragen: Wer bin ich?“, berichtet eine Schülerin. Rektor Gerhard sagt: „Früher konnten Schulabgänger eine Reifephase durchlaufen.“

Reifen. Wachsen. Leben.

„Es fehlte die Zeit.“ „Keine Reifephase.“ Jetzt kommen wir zum Kern. Wie ein guter Wein brauchen Menschen Zeit zum Reifen. Und Rat von Freunden und Fachleuten im Erfahrungs- und Wachstumsprozess. Wachstum gibt es nicht instant. Wächst ein Baum schneller, wenn Sie dran ziehen? Wachstum braucht Zeit zum Reifen. Es geht um das eigene Leben. Eine fundierte Berufswahl braucht Zeit für persönliche Erfahrungen, Austausch, Reflexion, Erfolge und Misserfolge. Misserfolge sind auch Erfolge, wenn man daraus lernt, was man nicht kann und nicht will. Misserfolge sind immer schmerzhaft. Aber erst eigene Erfahrung bringt die Fragen und Filter, um aus der Fülle auswählen zu können. Berufswahl ist wie Lotto 6 aus 49 mit 13 Milliarden Kombinationen. Für 13 Milliarden Berufe ist das Leben zu kurz. Deshalb bedarf es Entscheidungen, womit man seine Lebenszeit füllen will. Wofür man leben will. Wahl bedeutet, das auszuschließen, was man nicht erleben will. Ein Abbruch nach einer gereiften Erkenntnis „das passt nicht zu mir“ erscheint mir sinnvoller, als eine schwelende Unlust. Arbeitszeit ist Lebenszeit, Arbeit ist Leben. Das eigene Leben.

Berufswahl braucht Zeit für…

… Orientierung

… Fragen

… Antworten

… Erfahrungen

… Scheitern

… Erfolge

… Austausch

… Beratung

… Wissen

… Prozesse

… Reifen

… Entscheidungen

… Wachstum

Wenn die Schulzeit keine Berufswahl-Freizeit bietet, müssen sich Schüler diese Zeit nach der Schulzeit nehmen. Diese wichtige Zeit „Auszeit“ oder „Gap year“ zu nennen, ist zynisch. „Gap“ = Lücke/Kluft. Statt „Gap“ oder „Auszeit“ passt vielmehr „Einzeit“. Ich schalte ein: Zeit zum Ausprobieren. Zeit zum Überlegen. Lässt die Schulzeit keine Zeit, kommen die lebenswichtigen Fragen „Wer bin ich?“, „Was will ich?“ und „Was kann ich?“ zwangsläufig nach der Schule. Berufswahl braucht Zeit mit Menschen verschiedener Berufe, Zeit zur Suche und Orientierung, für eigene Fragen, Erfahrungen, Scheitern, Erfolg und Entscheidungen. Wer in die Ausbildung oder ins Studium hetzt, läuft Gefahr, frustriert abzubrechen. Schüler haben nach der Schule das Gefühl: „Scheitern verboten, Ausprobieren verboten“. Welch gravierende Fehlentwicklung. Schulbildung stellt 9 bis 12 Jahre alle Lerninhalte und Ziele. Direkt im Anschluss wird eine selbständige Entscheidung erwartet. „Den starren Strukturen der Schule gerade erst entwachsen, sind sie noch nicht reif, um eine Entscheidung für Studium oder Beruf zu treffen.“, meint die WELT.

Berufswahl ist immer ein mutiger Aufbruch ins Neue: 17.531 Möglichkeiten! Schulzeit gibt Schülern Wurzeln. Was häufig fehlt sind Mut und Flügel, auszuprobieren und so lange zu suchen, bis es passt. Schüler brauchen Zeit für eigene Erfahrungen und Entscheidungen. Sie haben jedes Recht, alles zu versuchen, um die eigenen Wege zu entdecken, krumme wie gerade.