„Gaedt teilt gern und großzügig aus. Provozieren, um Debatten anzustoßen, lautet das Motto.“

Gepostet am 3. Juni 2014 in Blog, Hintergrundgeschichten, Meine Meinung, on Tour, Resonanz

„Gaedt teilt gern und großzügig aus. Provozieren, um Debatten anzustoßen, lautet das Motto.“

Ein Kapitel in meinem Buch Mythos Fachkräftemangel heißt „Agentur für Arbeitslosigkeit“. Im März, direkt nach Erscheinen meines Buches, lud mich die mutigste Agentur für Arbeit nach Kiel ein, damit ich beim „Business Talk“ am 19.05.2014 den Mythos Fachkräftemangel zur Diskussion stelle. Nichts lieber als das. Die Vorbereitungen der Agentur in Kiel waren extrem professionell, Absprachen klappten hervorragend. Die Raumgestaltung vor Ort war liebevoll, die Atmosphäre offen und herzlich.

Wären alle Angebote dieses großen unflexiblen Kolosses mit 108.000 Mitarbeitern so gut, wertschätzend und professionell wie dieser Abend in Kiel, dann würden alle die Agentur für Arbeit in höchsten Tönen loben. Das halte ich für ein erstrebenswertes Ziel, auch wenn es noch ein weiter Weg dahin ist.

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Die Kieler Nachrichten berichteten vom Business Talk: „Gaedt teilt gern und großzügig aus. Provozieren, um Debatten anzustoßen, lautet das Motto.“ Und der Probsteiner Herold schreibt: „Es gibt keinen Fachkräftemangel, argumentiert Martin Gaedt provokativ. Die Unternehmen werben um Kunden, aber nicht um Fachkräfte. Stattdessen tun sie alles, um Bewerber zu vergraulen.“

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„Hau ab, wir brauchen dich hier nicht.“ Ein Facharzt, der bereit war, von Köln nach Rostock zu ziehen. Vergrault durch die unpersönliche 08/15-Antwort des Bewerbermanagementsystems der Klinik: „Sehr geehrte Bewerberin/sehr geehrter Bewerber. Wir haben Ihre Unterlagen im System eingespeist und melden uns bei Interesse.“ Der Klinik-Chef behauptet bis heute, aus Köln käme niemand nach Rostock. Nur den Grund, den kennt er nicht. Stichproben zeigen, dass rund 40 Prozent aller Bewerbungen gar nicht beantwortet werden. Oder erst nach zwei Jahren. Auch das kommt vor!

„Hau bloß ab, wir brauchen dich hier nicht.“ Ein Ire und eine Deutsche – extra eingewandert aus Neuseeland – tätig in Engpassberufen im Krankenhaus und in der IT. Vertrieben durch die un-herzliche Unternehmenskultur. Sie wollten 20 Jahre in Deutschland Steuern zahlen und Kinder groß ziehen, aber nach 2 Monaten hatten sie bereits die Nase voll von der deutschen Willkommens-Unkultur. Sie gingen zurück nach Neuseeland.

Fachkräftemangel trifft subjektiv zu. Aber objektiv betrachtet, sind andere Mängel der Auslöser: Mangel an Begrüßung von Bewerbern. Mangel an Willkommens- und Unternehmenskultur. Kommentar einer ausgewanderten Ingenieurin (angeblich so sehr gesucht und umworben!): „Seit zwei Jahren lebe und arbeite ich als Ingenieurin in Schweden und bin so froh und erleichtert darüber, dass ich diesen Schritt gegangen bin. Respektvoller Umgang miteinander,... Auf keinen Fall vermisse ich die deutsche Unternehmenskultur.“ 

Wenn ich alle vertreibe, habe ich einen Mangel. Fragt sich nur welchen Mangel?

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Wir hatten für mein Unternehmen YOUNECT einen rumänischen Software-Entwickler gefunden. Selbst gesucht. Selbst gefunden. Um einen Rumänen mit Hochschulabschluss einstellen zu dürfen, reicht offiziell ein Stempel der ZAV in Duisburg. Nach deren Androhung, ein Arbeitsvertrag vor deren Stempel, könnte uns bis zu 500.000 Euro Strafe kosten, warteten wir. Aus den zugesagten drei Tagen wurden zwei Wochen. Die Agentur für Arbeit Berlin hatte ihr Veto eingelegt, sie würden uns einen adäquaten deutschen Mitarbeiter vermitteln, der dann Vorrang hätte.

Die Anforderungen habe ich Herrn Schmidt sofort gemailt. „Top-Kenntnisse, unverzichtbar: ASP.NET, ASP.NET-MVC, C#, jQuery, .NET Framework, Code First, Entity-Framework, MS SQL Server, Java Script, Testgetriebene Entwicklung, usw.“ Als ich den zuständigen Agentur-Mitarbeiter in Berlin ganz offen fragte, ob er denn überhaupt nach so speziellen Skills suchen könne, lautete seine unmissverständliche Antwort: „Nein.“

Aber er würde dennoch suchen.

Nach seinem Urlaub.

Nach drei Wochen schickte mir die Berliner Agentur in zwei Briefen die Kontaktdaten eines wissenschaftlichen Mitarbeiters der Cottbuser Universität, der weder MVC kannte noch nach Berlin ziehen wollte, und die Kontaktdaten eines Sales-Mitarbeiters – immerhin IT… Vertrieb und Software-Entwicklung. Das ist schlicht grober Unfug!

Nach zwei Monaten konnten wir unseren rumänischen Mitarbeiter einstellen… nach 2 Monaten!

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Ein Erlebnis, das ich häufig erzähle. Ich hatte Schüler ins Berufsinformationszentrum der Agentur für Arbeit begleitet. Was die Schüler genauso wunderte wie mich: Vielen wurde der Beruf des Gärtners nahegelegt, obwohl der nicht mal zur Top-10 der Ausbildungen gehört. Kein einziger dieser Schülern konnte sich vorstellen, Gärtner zu werden. Wieso das denn?

Seit 10 Jahren habe ich hunderte Menschen gefragt, welchen Vorschlag sie im BIZ bekamen. Platz 1 aller Nennungen: der Gärtner. Warum spuckte der Computer diese sehr spezielle Empfehlung zum Gärtner aus? Ganz einfach: Der Algorithmus des Programms war so geschaltet, dass immer Gärtner kam, sobald die Frage „Möchten Sie gerne im Freien arbeiten?“ bejaht wurde.

Das führt jedesmal zu Gelächter in meinen Vorträgen. Auch beim Business Talk in Kiel. Ich finde es nicht so witzig, sondern kriminell. Jahrzehntelang sind pro Jahr 900.000 Schüler irregeführt worden. Ja, die Agentur für Arbeit hatte quasi ein Monopol auf die Berufsberatung, aber selbst eine niederschmetternde Bewertung 2007 durch die Stiftung Warentest prallte am Koloss ab: „Was wollt ihr denn, zu uns kommen doch alle.“

Immerhin: Im Jahre 2014 wurde die unsinnige Verknüpfung „im Freien“ mit „Gärtner“ abgeschafft.

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In großer Runde wurde diskutiert: Mit mir auf dem Podium Frau Brettschneider, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Kiel, Herr Scheuse, Hauptgeschäftsführer Unternehmensverband Kiel e.V., Herr Bastian, Geschäftsführer und Inhaber der Firma Elektro Steffen in Schönberg/Holstein, Herr Lenke, stellvertretender Leiter der Agentur für Arbeit Kiel und unser Moderator Herr Radestock, Journalist beim NDR.

Während bundesweit 64 Prozent aller Schulabgänger eine duale Ausbildung beginnen, sind es laut Frau Brettschneider in Kiel gerade einmal 20 Prozent. Herr Bastian berichtete von seinen sehr beeindruckenden Maßnahmen, Elektriker zu finden und an sein Unternehmen zu binden. Absolut vorbildlich. Angefangen hat er damit vor drei Jahren. Somit ist er im Recruiting quasi ein Kleinkind, das jetzt laufen und etwas sprechen kann. Der demografischen Wandel ist seit 20 Jahren bekannt. Hätte man vor 18 Jahren mit mutigen Schritten in der Personalgewinnung und mit Wertschätzung begonnen, dann wäre man heute im Recruiting volljährig.

Die Segeberger Zeitung beschrieb den Ausklang des Abends so: „Gaedt: 70 Prozent der Hochschulabsolventen wollten am Studienort bleiben, fänden aber nichts Passendes. Das bestätigt auch eine junge Betriebswirtin, die in Kiel und Flensburg studiert hat, mangels Angebot aber in Hamburg arbeitet. Das Hauptproblem sei für sie, „dass man nichts voneinander weiß. Da muss schlicht Transparenz her“. Scheuse kann in diesem Fall helfen. Seine Antwort: „Geben Sie mir Ihre Karte, und in einem halben Jahr haben Sie hier einen Job.“

Wir sind alle gespannt. Ich werde über das Ergebnis berichten. Ich danke den – wie gesagt – MUTIGEN und herzlichen Gastgebern des Business Talks in Kiel.