Können Recruiter rechnen? Die Jahrhundertflut mit Floskel Falle

Gepostet am 1. Juni 2014 in Blog, Meine Meinung, on Tour, Resonanz

Können Recruiter rechnen? Die Jahrhundertflut mit Floskel Falle

Es gibt inflationäre 1.583 Stellenbörsen, aber nur noch eine Minderheit der Jobsuchenden liest Stellenanzeigen. Wussten Sie das? Interessiert Sie das? Ignorieren Sie das?

Immer mehr Stellenbörsen, immer weniger Jobsuchende auf Stellenbörsen = weniger Bewerbungen. Logisch, oder?

Schülern und Auszubildenden wird häufig vorgeworfen, sie könnten nicht mehr rechnen. Aber können Sie rechnen? Auf eine Stellenanzeige müssen weniger Bewerbungen kommen. Müssen. Das ist einfachste Mathematik.

Die Argumente „weniger Bewerbungen“ und „es dauert länger, Stellen zu besetzen“ dienen den Verfechtern des Fachkräftemangels als Beweis für dessen Existenz. Dabei ist „Fachkräftemangel“ eine institutionalisierte und medial verbreitete Ausrede für faule Säcke. Dazu passt auch, dass einfach weiter sinnlos Stellenanzeigen geschaltet werden und erwartet wird, dass alles so weiter läuft wie vor 5 oder 10 Jahren.

Ingo Steinhaus schreibt auf ITMittelstand: „Manchmal boykottieren sich Unternehmen selbst, zum Beispiel mit einer Stellenanzeige.“ Auf ZEIT ONLINE führt André Schmidt-Carré zu Stellenanzeigen aus: „Oft sehr beliebig formuliert, scheinen sie vor allem eines zu wollen: bloß nicht auffallen.“ Und er zitiert mich: „Eine Menge Stellenanzeigen sind nicht nur total langweilig, sondern auch total austauschbar“ „Oft kann ein Bewerber aus den Formulierungen nicht einmal die Branche des Inserierenden erraten, geschweige denn, dass er ein Gefühl für die Firmenkultur bekäme.“ „Wer soll sich von solchen Floskeln angesprochen fühlen?“ Der Artikel trägt den passenden Titel „Die Floskel Falle“.

Die Floskel Falle wird sogar noch überboten durch eine Jahrhundertflut an Stellenanzeigen von Personaldienstleistern. Immer häufiger höre ich die Klage, jetzt lande man nicht mal mehr direkt bei Unternehmen. Bei Anzeigen von Personaldienstleistern soll man gar nicht wissen, bei wem man sich bewirbt. In Bremen traf ich diese Woche einen jungen Außenhandelskaufmann mit Berufserfahrung, der in 12 Monaten Arbeitslosigkeit 269 Bewerbungen verschickt hatte. Davon gingen über 200 Bewerbungen an Personaldienstleister und Zeitarbeitsfirmen. Dort „durfte“ er sich nach durchschnittlich zwei Minuten „Interview“ in eine Datenbank eintragen. Zu 100% hat er nie wieder was gehört.

Sowas führt zu sowas: Für die LinkedIN-Studie 2013 wurden 2.964 Personaler befragt, darunter 194 HR-Fachkräfte in Deutschland. Hans Ulrich Würth fasst zusammen: „Stellenbörsen im Internet haben sich im Vergleich zur Studie 2012 mit jetzt nur noch 34 Prozent deutlich verschlechtert.“ Ein Nebensatz in der Pressemitteilung von LinkedIn lässt aufschrecken: „Stellenbörsen im Internet (2012: 60 Prozent, 2013: 34 Prozent)“. Innerhalb von 12 Monaten hat sich der Einsatz von Stellenbörsen bei der Suche nach hochqualifizierten Mitarbeitern fast halbiert. 

Das Gros der Unternehmen macht einfach weiter wie bisher mit Altbekanntem. Noch eine Bewerbermesse. Noch eine Stellenanzeige. Zappos hingegen wird zukünftig ganz auf Stellenanzeigen verzichten. Das ist Zündstoff und wird auf Twitter und in Blogs heiß diskutiert. Am ausführlichsten besprochen von Henner Knabenreich: „WOW. Zappos sagt “Good bye” zu Stellenanzeigen.“

Ich wette, dass sich Stellenbörsen tot laufen. In fünf Jahren spielen sie keine Rolle mehr. Auf die Floskeln hat keiner Lust. Auf die Verschleierung durch Personaldienstleister noch weniger. Gestern habe ich auf Twitter die erste Wette ausgehandelt. Kakao gegen eine Runde Cuba Libre. @younect „Ich wette, dass es in 5 Jahren keine Stellenbörsen mehr gibt. Läuft alles über Netzwerken, Empfehlung und Bilder!“ @Levke_Mohr „Hmmm ob die KMUs so schnell mitziehen? Ich halte „noch“ dagegen und sage eher 10 J.! Um eine heiße Schokolade? ;-)“ @younect „Ich setze eine Runde „Cuba Libre“ dagegen 🙂 Entscheidend ist wohl, wo die Bewerber wie lange noch „mitmachen“ @Levke_Mohr „Bin absolut bei dir – aber nicht sicher, wie schnell solche Wandlung vollzogen werden kann – top die Wette gilt ;-)“ @FelixBuenting „In 5 Jahren sind die Influencer aus den Stellenbörsen verschwunden. In 10 Jahren ist es dann ein antiquiertes Mittel.“

Wette_gegen_Stellenbörsen

Die Zukunft besteht aus intelligenten Netzwerken, Empfehlung – sowohl Mitarbeiterempfehlung als auch Recruiting in Kooperation – und Bildern. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Wir erleben es auf Twitter, Facebook, Pinterest, Tumblr, Videos und Fotos werden geteilt. Die Zukunft des Recruitings liegt in visuellen Botschaften, einladenden Teamfotos und herausfordernden Aufgaben, die man sieht und spürt. „Der Mensch ist ein Sinneswesen. Was er nicht wahrnimmt, bleibt versteckt und unsichtbar. Schlimmer noch: Das gibt es für ihn nicht.“ (Mythos Fachkräftemangel S.18)