Partys, Stasi und Willkür. Vorstellungskraft gesprengt. „Beim nächsten Mal reisen Sie so aus, wie Sie eingereist sind“

Gepostet am 9. November 2014 in Blog, Hintergrundgeschichten, Meine Meinung

Partys, Stasi und Willkür. Vorstellungskraft gesprengt. „Beim nächsten Mal reisen Sie so aus, wie Sie eingereist sind“

Mein Buch „Mythos Fachkräftemangel“ beginne ich mit Erfahrungen vor dem Mauerfall: „1988 organisierte ich als West-Berliner Partys bei Freunden in Ost-Berlin. Die Mauer trennte die Stadt. Bedrohlich und lebensgefährlich. „Warum fährst du immer rüber? Da ist doch alles grau!“, fragten West-Berliner Freunde. Wer so fragte, wurde zur nächsten Ost-West-Party eingeladen. Hinterher kam immer dieselbe überraschte Reaktion: „Die sind ja genauso wie wir! Hören dieselbe Musik, reden über dieselben Themen, tragen coole Klamotten. Das hatten wir uns ganz anders vorgestellt!“

Die Realität sah anders aus als die Vorurteile. Warum? „Auch wenn wir etwas nicht kennen oder nichts darüber wissen, haben wir trotzdem eine Meinung dazu. Wir stellen uns etwas vor und denken: Alles klar, das ist soundso. Doch was wir nicht selbst gesehen und erfahren haben, schätzen wir oft völlig falsch ein und verbreiten diese falschen Bilder und Vorurteile. Das ist kein Vorwurf, das ist einfach nur menschlich.“

Heute am 25. Jahrestag des Mauerfalls, schreibe ich über meine Erfahrungen 1985-1989 mit Partys, Stasi und Willkür und wie sie meine Vorstellungskraft mehrfach gesprengt haben. Vier Jahre vor dem Mauerfall 1985 lernte ich als West-Berliner – völlig unerwartet – Freunde in Ost-Berlin kennen: Alex, Heike, Howard, Roger, Steffen und Tobias. Später wurde die Party- und Freundes-Gruppe immer größer – aus Ost-Berlin, Kleinmachnow, Teltow, West-Berlin, Paris und den USA.

Für viele West-Berliner war Ost-Berlin mental weiter weg als Frankreich. Doch wir feierten „drüben“ viele geile Partys mit 30-50 Freunden. Das waren illegale Versammlungen. Meistens in der Simon-Dach-Straße und Warschauer Straße im Friedrichshain. Auch am 01.01.1989 fuhren Freunde und ich zur Neujahrs-Party nach Ost-Berlin. Am Grenzübergang S-Bahnhof Friedrichstraße reisten wir alle ein – fast alle. Denn mir wurde die Einreise verweigert – trotz gültigen Visums. Ohne Begründung. Einfach so. Alle anderen aus der Gruppe war schon durch. Ich hatte keine Möglichkeit, sie zu erreichen. Handys gab es nicht. Ich starrte dieses Visum an, das nun ungültig war. Dann schaute ich noch mal hin, und noch mal und noch mal. Anders als sonst, wenn ich nicht einreisen durfte, fehlte der dicke Stempel „Visum verweigert“. Mein Tagesvisum war frisch – wie unbenutzt. Ich wagte den undenkbaren Gedanken: Was wäre, wenn ich an einem anderen Grenzübergang einreise?

Der Gedanke war so unvorstellbar gewagt. Das konnte gar nicht klappen. Ich war mir sicher, dass ich einen riesen Ärger bekommen würde, denn die Grenzübergänge mussten miteinander verkabelt sein, längst war an allen Grenzübergängen bekannt,  dass mir die Einreise verweigerte worden war – so stellte ich mir das vor. Ich fuhr überwältigt von der Idee zum Grenzübergang Oberbaumbrücke. Die letzten 100 Meter über die Brücke, die für Autos gesperrt war und komplett zum Todesstreifen gehörte, waren am Schlimmsten. Ich war ganz alleine und durfte mir nichts anmerken lassen. So früh am Neujahrsmorgen war ich der einzige Einreisende am Grenzübergang. Ich war innerlich starr vor Angst. Der Grenzbeamte schaute auf mein Visum und auf meinen Pass. Dann schaute er zu mir hoch. Millisekunden erschienen mir wie Stunden, ich dachte, jetzt platzt die Bombe. Er wird mich anbrüllen, was mir einfiele, ob ich ihn für dumm verkaufen wolle und festnehmen. Der Mund des Grenzbeamten öffnete sich, und er sagte: „Jetzt wünschen wir uns erst mal ein frohes neues Jahr.“ Stempel, Einreise genehmigt. Ja, solche Grenzbeamte gab es auch. Danke!!!

Nur 5 Wochen zuvor – auch an der Oberbaumbrücke – war ich bei der Ausreise angeschnauzt worden: „Beim nächsten Mal reisen Sie so aus, wie Sie eingereist sind.“ Der Grenzbeamte spielte auf meine Haarfarbe an. Ich hatte einen Topf rote Haarfarbe mit nach Ost-Berlin genommen und mir dort mein weißblondes Haar rot gefärbt – zu sehen in der Mitte des Bildes.

24_11_1988

Wir kamen von einer ausgelassenen Party, einer der schönsten Partys überhaupt mit etwa 50 Freunden. Es war kurz vor 2 Uhr, und wir waren noch zu viert, die anderen waren schon vor uns gegangen und teilweise über andere Grenzübergänge ausgereist. Beim Abschied hatten wir liebevoll eingepackte Geschenke von unseren Ost-Berliner Freunden bekommen, alle noch verpackt. Die Grenzbeamten rissen alle Geschenke auf und stopften sie wieder in unsere Taschen. Es war diese Willkür, Unfreundlichkeit und der krasse Gegensatz zur Menschlichkeit und Nähe unserer Partys, die mich zutiefst erschütterte. Trauer, Enttäuschung und tiefster Frust gingen mir durch Mark und Bein. All das war ja nicht neu, aber an diesem Morgen bekam ich an der Oberbaumbrücke einen solchen Weinkrampf wie nie zuvor und nur selten danach. Weniger als 12 Monate später stand die Mauer nicht mehr, aber das war bis zum Mauerfall unvorstellbar für mich.

Ein Ost-Berliner Freund hatte mir unter vier Augen erzählt, dass er gar nicht mehr wisse, mit wem von den Ost-Berliner Freunden er offen sprechen konnte. Es gab Fälle, in denen sich Ehepartner gegenseitig bei der Stasi anzeigten oder ein bester Freund das Vertrauen missbrauchte und alle Informationen der Stasi lieferte. Und das Wissen der Stasi war enorm. Der Aufwand den sie alleine für unsere harmlose Party-Gruppe betrieben, war erschreckend. Eine Ost-Berliner Freundin bekam eine “Einladung”, sich mit einem Offizier der Stasi zu treffen. Was so beeindruckend und erschreckend war, dass er die Namen aus unserer Gruppe (darunter neben West-Berlinern auch eine Französin und zwei US-Amerikanerinnen) auswendig kannte und zwar Vor- und Nachnamen. Wie ich vor kurzem erfuhr, steht in der Stasi-Akte einer Ost-Berliner Freundin: “In diese Gruppe kommen wir nicht rein.” DANKE, Ihr Lieben!!!

Zwei lustige Schnippchen konnten wir der Stasi noch schlagen, die in keiner Akte auftauchen dürften :-) weil sie der Stasi unentdeckt blieben. Im April 1988 wollten zwei Freundinnen, die Depeche Mode-Fans waren, unbedingt nach Ost-Berlin, wo Depeche Mode ein Konzert gab. Sie hatten keine Karten, aber sie hatten einen Tipp bekommen, in welchem Hotel sie wohnten. Da sie beide unter 16 Jahre alt waren, brauchten sie einen volljährigen Begleiter. Daher fragten sie mich. Beim ersten Versuch scherzte der Grenzbeamte mit mir. „Sind das Ihre Kinder?“ Er lachte. Ich lachte zurück „Ja.“ Es war ja ganz offensichtlich, dass das nicht sein konnte. Da knallte er den Stempel auf das Visum: „Einreise verweigert“. Am nächsten Tag versuchten wir es wieder. Diesmal ließen sie uns zu dritt durch. Wir trafen zwei der Ost-Berliner Freunde und fuhren zum Grand Hotel in der Friedrichstraße Ecke Unter den Linden. Vor dem Hotel stand schon eine Horde von Depeche Mode-Fans. Wir gingen hinein, wo wir sofort nach unseren Ausweisen gefragt wurden. Es war ein Hotel, in das nur West-Deutsche und SED-Bonzen hinein durften. Da zwei von uns ja sofort als Ost-Berliner aufgeflogen wären, sagte ich: „Wir wollten ins Restaurant gehen.“ Antwort: „Da müssen Sie außen herum gehen.“ Ich deutete auf eine Tür am Ende des Foyers, über der groß “Restaurant” stand und wollte direkt dort durchgehen. Antwort: „Die Tür dort ist leider verschlossen.“ Das war glatt gelogen. Wir verließen also das Hotel wieder und gingen durch den anderen Eingang ins Restaurant, das zum Hotel gehörte. Dort begannen wir für den Rest des Tages Englisch zu sprechen. Wir fragten auf Englisch nach der Rezeption des Hotels. Wir wurden im Restaurant freundlichst durch die besagte Tür gewiesen, die angeblich verschlossen war. Ungesehen von den Personen am Eingang, die uns zuvor nach den Personalausweisen gefragt hatten, setzten wir uns in die Hotel Lobby. Dort tranken wir zu fünft Kaffee und quatschten nur noch Englisch. Aus allen Etagen des Hotels wurden wir von „unauffälligen“ Herren in grauen Anzügen beäugt, die Stasi. Aber sie trauten sich nicht, uns zu belästigen. Scheinbar wurden wir für ausländische Touristen gehalten. Nach etlichen Stunden des Wartens kamen die vier britischen Musiker tatsächlich in die Lobby auf dem Weg zum Konzert, und unsere beiden Hardcore-Fans bekam ihr Foto mit Depeche Mode.

Und noch ein Schnippchen schlugen wir der Stasi. Im Juni fuhren ein Freund und ich mit über 20 West-Berliner Schülern nach Ost-Berlin. Die BRD hatte in der DDR keine Botschaft, daher hieß die Vertretung der BRD in der DDR die „Ständige Vertretung”. Die Ständige Vertretung war umringt von „unauffälligen“ Männern in „unauffälliger“ Kleidung, alles Vertreter der Stasi. Sie hatten Angst, dass Ost-Berliner Bürger in die „Ständige Vertretung“ gingen und einfach drinnen blieben, bis sie nach West-Deutschland ausreisen durften. Diese Angst war völlig berechtigt. Deshalb wurden Einzelpersonen sofort angehalten zur Ausweiskontrolle. Aber bei einer Gruppe von etwa 30 Personen konnten sie uns nicht genau kontrollieren. Ein Freund aus Ost-Berlin mischte sich unauffällig in diese Gruppe der West-Berliner und kam mit uns in die Westdeutsche “Botschaft”. Erst drinnen bekam ich Bammel, ob er wieder mit rauskommen würde und ob alles gut gehen würde. Aber alles lief glatt. Sechs Monate später fiel die Mauer, und all das war Geschichte. Und nun ist es bereits 25 Jahre her…

Für mich kam der Mauerfall völlig überraschend, ich war zu der Zeit in Südamerika – damals ohne Internet, ohne Handy, ohne Skype. Im Juli 1989 feierten wir meine Abschiedparty in Ost-Berlin, bevor ich nach Südamerika abreiste. Aber es war auch die Abschiedsparty von der DDR. Als ich neun Monate später zurückkam, war ALLES anders. Die letzten ostdeutschen Grenzbeamten, die ich im Juli 1989 traf, waren sehr nett. Bei der Einreise unterhielten wir uns angeregt über meine anstehende Reise nach Südamerika. Bei meiner Ausreise 26 Stunden später waren genau diese beiden netten Grenzbeamten wieder da. Ich hatte zum ersten Mal in all den Jahren vergessen, meinen Ausreise­schein auszufüllen. Da meinten die beiden: „Na, das machen Sie dann im nächsten Jahr, wir sehen uns ja bestimmt wieder.“ Aber der Mauerfall kam dazwischen… Am Abend des 09.11.1989 wohnte ich in Sao Paulo, Brasilien bei Shirley. Als ich zu ihr nach Hause kam nach mehreren Tagen auf dem Land, meinte sie: „Stell Dir vor, die Mauer ist offen.“ Völlig unmöglich! Wovon sprach sie? Wenn ich auf meinen Reisen in Südamerika und in den USA nach der Mauer gefragt wurde, hatte ich immer gesagt, dass keine Mauer immer Bestand hätte… aber ich würde den Mauerfall in meinem Leben nicht mehr erleben. So festzementiert erschien sie mir. Ich kannte die Welt nicht ohne Mauer. Und Erich Honecker hatte im Frühjahr 1989 versprochen, die Mauer stünde noch 100 Jahre.

Als ich Shirley in Sao Paulo ungläubig ansah, schaltete sie einfach den Fernseher an. An der Bornholmer Straße rufen die Massen „Tor auf. Tor auf.“ Ich sehe Tausende Menschen auf der Mauer tanzen. Der Kurfürstendamm war voller Ost-Berliner, und Unter den Linden jubelten West-Berliner. Ich saß vor Shirleys Fernseher und konnte die Bilder nicht begreifen. Ich holte meinen Fotoapparat und schoss Dia-Bilder vom TV mit den Bildern aus Berlin. Ich wollte sofort nach Berlin, warum war ich nicht dabei? Doch mein Flugticket nach Berlin lag bei Freunden in Buenos Aires. Zum Glück. Hät­te ich es dabei gehabt, wäre ich möglicherweise spontan ins Flugzeug gestiegen und zurück geflogen. Stattdessen kam ich 7 Monate nach dem Mauerfall in ein völlig umgekrempeltes Land zurück.

Diese vier Jahre mit Partys, Stasi und Willkür haben meine Vorstellungskraft mehrfach gesprengt. Schon der Start der Freundschaft schubste mich über mehrere Tellerränder gleichzeitig. Meine Suche nach anderen Howard Jones Fans hatten 1985 zwei West-Berliner Radio-Sender ausgestrahlt… und RIAS und SFB wurden zum Glück nicht nur in West-Berlin gehört. Statt West-Berliner Fans rief nämlich Heike aus Ost-Berlin an. Dass sich aus Ost-Berlin Howard Jones Fans melden würden, lag bis zu diesem Anruf jenseits meiner Vorstellungskraft. Ich hatte Ost-Berlin gar nicht im Blick, es war mir bis dahin auch fremd und unbekannt. Heike und ich tauschten Adressen aus und schrieben uns Briefe. Ein paar Wochen später klingelte das Telefon – nachts um 2 Uhr. Am Telefon war Martin, den alle Howard nannten, auch aus Ost-Berlin. Er kannte Heike und hatte auch meinen Aufruf im Radio gehört. Nun fragte er, ob ich ihn und Heike besuchen würde. Dass ich ihn und Heike besuchen könnte, lag auch außerhalb von meiner Vorstellungskraft. Aber warum nicht. Wir verabredeten uns für den 2. November 1985 in Ost-Berlin.

Ich bin so dankbar, dass ich damals JA gesagt habe. Für mich und alle Freunde, die dabei waren, ist es eine EINMALIGE Erfahrung. Und gleich treffen wir Howard auf der Bornholmer Straße und schauen uns zusammen die 8.000 Lichter an, die an den Mauerfall erinnern.