Wissen Sie, wer sich NICHT bei Ihnen bewirbt?

Gepostet am 2. Februar 2015 in Blog, Hintergrundgeschichten, Meine Meinung, on Tour

Wissen Sie, wer sich NICHT bei Ihnen bewirbt?

01.01.2015. Mir stockte der Atem. Schon wieder das Buzzword „Fachkräftemangel dramatisch„. „Oh, nein“, dachte ich „geht 2015 einfach genauso weiter wie 2014?“ Dabei ist es doch so „eindeutig: Der Fachkräftemangel ist ein Mythos!„. Wer „Fachkräftemangel“ propagiert, sucht ein Alibi für langweiliges Recruiting. Oder wie t3n-Leser kommentieren: „nicht Fachkräftemangel wird beklagt, sondern Mangel an _billigen_ Fachkräften„, häufig gepaart mit der Arroganz: „Sie bekommen doch sonst keinen Job mehr. Sie sind doch schon 60!“ Die Altersdiskriminierung im Arbeitsmarkt war für mich die schlimmste Erkenntnis 2014.

2014 führte mich mein MYTHOS nach Lingen, Oberberg, Leipzig, Hamburg, München, Frankfurt/Main, Ahrweiler, Heilbronn, Wiesbaden, Rostock, Altötting, Kiel, Bremen, Neubrandenburg, Hannover, Blankenburg, Magdeburg, Dessau, Stendal, Merseburg, Wilhelmshaven, Wildeshausen, Simmern, Jena, Nürnberg, Deggendorf, Stuttgart, Lüneburg, Cottbus, Osterwiek, Osnabrück, Weiden, Freyung, Nienburg, Blaufelden, Mainz, Höhr-Grenzhausen, Wolpertshausen und ab und zu auch nach Berlin.

Es gab viel Zustimmung und genauso viel Ablehnung und Widerspruch. Am lautesten widersprechen mir immer Vertreter der Innungen und Handwerkskammern, die immerhin rund 5 Millionen Mitarbeiter in 1 Million Betriebe vertreten und sich zurecht „Die Wirtschaftsmacht von nebenan“ nennen. Hätte das Handwerk sein RIESENGROSSES 50-Mio-Euro-Werbebudget weniger in Plakate und Filme investiert, sondern mehr in konkretes Mentoring mit Rock Your Life, Schülerpaten, Die Komplizen, Joblinge, u.v.a. dann hätten sie auch mehr konkreten Zugang zum Nachwuchs. Stattdessen läuft der neuste Film ins Leere. Handwerklich perfekt, bestes Kino. Motto: „Die Welt war nie so unfertig.“ Im August 2014 schrieb ich dazu; „das gezeigte Chaos wird keinen Menschen von einer Ausbildung im Handwerk überzeugen. Schade, dass im Zentralverband des Deutschen Handwerks niemand die wahrhaft kreative Blogparade zur Berufsorientierung gelesen hat.“ Wer Unsicherheit und Chaos zeigt, erreicht nicht die Zielgruppe junger Berufseinsteiger, die Sicherheit sucht.

Mit dieser Meinung mache ich mir selten Freunde. Aber selbst meine schärfsten Kritiker kommen nach Vorträgen zu mir, und sagen: „Eine Ihrer Fragen gibt mir doch zu denken: ‚Wissen Sie, wer sich NICHT bei Ihnen bewirbt?‘ Das merke ich mir.“ Warum ist diese Frage relevant? Der Fokus in Unternehmen und in Umfragen liegt immer auf den Bewerbungen, die ankommen. Dabei ist die Zahl der Kandidaten, die sich nicht bewerben, immer viel höher. Egal ob 2, 50 oder 5000 Bewerbungen kommen, IMMER bewirbt sich die Mehrzahl potenzieller Bewerber NICHT.

In vielen Firmen sinkt die Zahl eingehender Bewerbungen. So what? Was sagt das aus? NICHTS! Über die Gründe wird gestritten. Werden es weniger Fachkräfte? Nein: Rekord: 42,6 Millionen Beschäftigte in Deutschland. Nur die Zahl der Bewerber, die aktiv suchen, Stellenanzeigen lesen und auf Bewerber-Messen gehen, wird kleiner. Hingegen wächst die Zahl potenzieller Mitarbeiter, die passiv suchen. Bekämen sie ein attraktives Angebot, würden sie wechseln. Unzufriedenheit mit dem Arbeitgeber, der Wunsch nach Veränderung, in vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern schlummert ein potenzieller Mitarbeiter. Aber sie haben sich noch nie bei Ihnen beworben.

Das liegt auch an Stellenanzeigen, die austauschbar und laaaaaaangweilig sind. Würden Sie ein langweiliges Buch lesen oder gar verschenken? Nein. Aber Floskel-Fallen sollen hoch motivierte Bewerber magnetisch anziehen. Finde den Fehler.

Sind Firmen unsichtbar? Ja.

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Wie im Dating-Markt. Groß, schön und erfolgreich zieht an. Große, erfolgreiche Marken ziehen immer mehr Bewerber an. Schade nur, dass unser Arbeitsmarkt zu 99,6 Prozent aus unsichtbaren Kleinst-, Klein- und mittelständischen Unternehmen besteht. Viele sind spannend und hoch profitabel. Es weiß nur niemand. Die Schere geht auseinander: Bekannte = attraktive Firmen bekommen MEHR Bewerbungen, unbekannte = unattraktive Firmen bekommen weniger Bewerbungen. Die Unbekanntheit und Unsichtbarkeit ist der größte Bewerber-Killer für die allermeisten Unternehmen.

Wie aktiviert man Potenziale, die rechts und links vom Mainstream liegen: Neue Wege, Risiko, auffallen.

EDEKA_Lichtenstein

 

Was spricht sich rum? Erfolgsfaktoren für virale Werbung: “dieser Bauch in der Badewanne…  über 12 Millionen Mal geklickt… ohne den Mut, ein Risiko einzugehen, kriegt man keine hohe Rendite.“ SUPERGEIL hat aktuell 13,5 Millionen Klicks. Ich gebe zu, ich war anfangs skeptisch. Ob der Spot gehypt oder zerrissen wird, konnte man vorher nicht wissen. Genau dieser Mut, ein unklares Risiko einzugehen, wurde belohnt. Ohne diesen Mut ist ein vergleichbarer Erfolg nicht möglich – weder im Marketing noch im Personalmarketing.

Wissen Sie, wer sich nicht bei Ihnen bewirbt? Wie aktivieren Sie unter 42 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die Potenziale, die für Ihr Unternehmen interessant sind, die Sie aber nicht kennen. Außerdem: Wer sagt zum Beispiel, dass Azubis jung sein müssen? K+U-Bäckereien und ING DiBa machen vor, wie es anders geht. Wer bieten der MILLION potenzieller Arbeitskräfte eine Chance, die seit 1999 keinen Schulabschluss gemacht haben? Wer hält die MILLION Akademiker im Land, die seit 2000 ausgewandert sind? Es fehlen attraktive Angebote. Und neue Wege. Wie findet ein Unternehmen einen neuen Buchhalter? Es überweist allen Kunden 5 Cent zu viel. Der erste Buchhalter, der sich meldet, bekommt ein attraktives Angebot. Ein anderes Unternehmen hat 20 potenziellen neuen Mitarbeitern je ein Smartphone geschickt: „Rufen Sie uns an, wir sind Ihr neuer Arbeitgeber“. Das ist Recruiting 2015. Damit müssen Sie sich messen.