Expertise vs. NeuGier. Analyse + Offenheit. Der Mix macht’s

Gepostet am 14. September 2016 in 44Fragen, Blog, Meine Meinung

Expertise vs. NeuGier. Analyse + Offenheit. Der Mix macht’s
  • Neu = nicht wissen, fragen, absurd, unsicher.
  • Experte = wissen, sagen, standfest, sicher.

Ja, ich weiß, das ist bewusst schwarz-weiß überzeichnet. Expertise ist Wissen von gestern und Kompetenz bringt Stillstand, das behaupte ich in meinem letzten Artikel über Experten. Es gab viel Zustimmung und auch Widerspruch. Zum Glück 🙂

Irrweg Abschluss

Hand aufs Herz: Lassen Sie sich gerne kritisieren? Wie viel Wissen hinterfragen wir? Schaffen wir Platz für Neues? Die ZEIT titelte am 05.09.2016: „Ausgelernt gibt es nicht. Betriebliches Lernen muss sich verändern. Teams sollten permanent Neues dazulernen.“ Julia Dellnitz fordert: „Lernendes Arbeiten braucht ein gutes Umfeld. Eine Atmosphäre, in der Neugierde, Experimentierfreude und auch gute Laune ausdrücklich willkommen sind.“ Noch mal Hand aufs Herz: Praktizieren Sie in Ihrer Firma bereits lernendes Arbeiten? Widerspricht das nicht unserer Qualifikation? Wir haben bereits einen Abschluss! Oder ist ‚Abschluss‘ etwa ein begrifflicher Fehler und Irrweg?

Sehnsucht nach Ordnung

Statt permanent Neues zu lernen, tendieren wir Menschen alle dazu, uns gemütlich einzurichten und feste Standpunkte zu beziehen. Kein Wert steigt stärker im Laufe des Lebens als der Wunsch nach Ordnung und Tradition. Je älter, desto wichtiger wird Ordnung, stellt Tatjana Schnell in „Psychologie der Lebenssinne“ fest. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagt der Volksmund. Wer wollte auch ständig Sand im Getriebe und permanent alles hinterfragen? Niemand.

inkompetent kreativ

Herbert Ernst Lechner schrieb gestern in seinem Kommentar: „Ihr Trugschluss: Experten sitzen in den Entscheidungsgremien ergo sind die Experten die Innovationsverhinderer. Zweiter Trugschluss: Man muss inkompetent sein, um kreativ zu sein. Im Gegenteil: Konstruktive Kreativität setzt Kompetenz voraus. Fachlich mäßig kompetente Entscheider blockieren gerade die Ideen der Experten.“ Danke, da ist viel dran, doch es ist auch schwarz-weiß :-).

Viele bahnbrechende Ideen kommen von Experten, andere von Außenseitern. Der 15jährige „Jack Andraka hat eine neue Methode zur Krebsfrüherkennung erfunden: 26.000 Mal günstiger, 90 Prozent zuverlässiger und 168 Mal schneller als jedes andere Verfahren. Rund 200 Absagen bekam er“ von Experten. Erst der 201. Professor ließ den Jungen seine Idee im Labor testen. 200 Experten hatten sich getäuscht.

Wissen + Fragen

Experten

wissen

viel von

gestern.

Fragen

öffnen

Zukunft.

Wissen

P L U S

Fragen

schafft

Neues.

Ja, wir brauchen Experten, die viel wissen UND dabei offen bleiben für Fragen und Infragestellung. Wir brauchen Experten, die Abstand haben zu ihrer Expertise und sich selbst nicht zu wichtig nehmen – so wie der 201. Professor, der einem 15jährigen Laien Vertrauen schenkt. Es gibt offene Experten und arrogante Experten – so wie es auch geizige Reiche und großzügige Reiche gibt. Offene Experten wären optimal gerüstet für Innovation: Wissen + Neugier + den Willen zu wachsen.

Als Spinner verrufen

Trotzdem bleibt ein innerer Zusammenhang zwischen Expertise und Stillstand. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass es sinnvoll ist, dass 253 Firmen zusammen 513.299 Absagen an Bewerber verschicken, um 7.701 Stellen zu besetzen. Das ist ökonomischer und menschlicher Wahnsinn. Aber das stellen nicht die gelernten Arbeitsmarkt-Experten mit BWL-Abschluss infrage, sondern ich. Die Gefahr, auf Standpunkten stehen zu bleiben, ist existent. Das hemmt Entwicklung und Wachstum. Warum habe ich als Außenseiter die Debatte zum „Mythos Fachkräftemangel“ angeheizt? Die Experten konnten oder wollten es nicht.

Die Erde – eine Scheibe. Nur wenige Experten trauten sich zu spinnen und scheinbar absurde Fragen zur Form der Erste zu stellen. Wer will schon als ‚Spinner‘ verrufen sein? Sie nicht. Ich nicht. Albert Einstein wurde von Physikern mitgeteilt, dass seine Forschung „more artistic than actual Physics“ sei, eher musisch-künstlerisch als physikalisch. Physiker stehen im Weg von Einsteins Erkenntnis. Mediziner stehen im Weg zu einer besseren Krebs-Früherkennung.

Zwei Pole

Expertise ist eine Versuchung, alles besser zu wissen. Dabei kann Expertise selbstverständlich die Grundlage zu permanenter Weiterentwicklung sein. Fundiertes Wissen + absurde Fragen – beides braucht man für tiefgreifende Ideen und Entwicklung. Spinnende Experten. A & O. Analyse & Offenheit. Himmelhochjauchzende Verrücktheit und glasklare Expertise. Nur zusammen geht`s weiter. Ich stimme Herbert Ernst Lechner zu: „Konstruktive Kreativität setzt Kompetenz voraus.“ Kreativität ‚O‘ braucht Kompetenz ‚A‘.

Ein beliebtes Beispiel in der Geschichte der Ideen ist Alexander Flemings Entdeckung des Penicillins. Sie basierte auf einem biochemischen Unfall. Unerwartet waren alle Bakterien abgestorben. Reif für den Müll. Doch Fleming war neugierig und betrachtete das misslungene Experiment unterm Mikroskop. Er fragte sich, warum alle Bakterien tot waren. So kam er scheinbar zufällig auf die hemmende Wirkung des Bakterienwachstums und entdeckte das Antibiotikum.

Achtung! Achtung! 

Hier endet die Erzählung meistens, und es klingt so, als ob jeder aufmerksame Forscher an Flemings Stelle diese Entdeckung auch hätte machen können. Doch dieser Eindruck täuscht gewaltig. Flemings Leistung war nicht nur das Untersuchen des misslungenen Experiments, sondern auch seine jahrelange, gezielte Forschung. Er suchte bereit 20 Jahre nach antibakteriellen Wirkstoffen. Bei Fleming traf die Kreativität, das misslungene Experiment zu untersuchen, auf die Kompetenz seiner 20 Jahre Forschung.

Fleming hatte seine Ideenfitness trainiert und täglich 44 Fragen gestellt. 44 mal 365 Tage mal 20 Jahre: Das sind 321.200 Fragen bis zur Entdeckung des Antibiotikums. Es dauerte weitere 10 Jahre, bis Penicillin als Medikament auf den Markt kam. 30 Jahre Forschung! Welche Fragen stellen Sie? Was bewegt Sie so sehr, dass Sie 321.200 Fragen stellen? Welcher Frust lässt Sie verzweifelt nach besseren Lösungen suchen?

Ideen rocken

Ideen brauchen himmelhochjauchzende, offene Begeisterung ‚O‘ gepaart mit glasklarer Analyse ‚A‘. Weites Spinnen ‚O‘ + direkte Kritik ‚A‘. Kein Entweder-oder, sondern ein Zusammenspiel. Expertise ‚A‘ und Neugier ‚O‘. Es ist ein permanenter Prozess, ein schwingendes Pendel vom A zum O zum A zum O. Diese schaukelnde Energie bildet den roten Faden durch mein Buch ROCK YOUR IDEA. Die A-Schritte analysieren, fokussieren und setzen um. O-Schritte schaffen Freiräume für Spinner. Ich wünschen uns mehr Experten, die ihr Wissen nutzen, um Grenzen einzureißen.

Denken Sie um Ecken. Lachen Sie. Wundern Sie sich. Wenn Ihre Expertise Sie dazu ermuntert, mehr Fragen zu stellen, dann bin ich gespannt auf Ihre Ideen!

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