Vorstellungskraft gesprengt. Wie im Kalten Krieg aus ‚Kommst du uns besuchen?‘ Ost-West-Partys wurden

Gepostet am 15. September 2016 in Blog, Hintergrundgeschichten, Ideen, Meine Meinung

Vorstellungskraft gesprengt. Wie im Kalten Krieg aus ‚Kommst du uns besuchen?‘ Ost-West-Partys wurden

Lassen Sie sich nie wieder Zeit und Mut stehlen von Menschen, die ‚geht nicht‘ sagen. Das sind zwei unsinnige Worte!

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ALLES, was Sie alltäglich nutzen, war mal eine Idee. Warum sollte Ihre Idee nicht machbar sein?

GROSSE Karriere im 5. Anlauf

Die einzige relevante Frage: Wollen Sie Ihre Idee umsetzen? Was investieren Sie an Lebenszeit, Kontakten, Mut und DurchhalteVermögen? Machen Sie auch noch den fünften Versuch wie Herbert Grönemeyer? Seine GROSSE Karriere startete mit vier erfolglosen Alben, und zwar soooo mega-erfolglos, dass die Intercord Ton GmbH den Vertrag kündigte. Doch Grönemeyer blieb dran. Hand aufs Herz: Hätte Ihre Energie und Ihr DurchhalteVermögen dafür gereicht? Mit dem 5. Album ‚Bochum‘ kam der Erfolg – scheinbar über Nacht. Grönemeyers 6. Album ‚Ö‘ stand 14 Wochen auf Platz 1 der Album-Charts und hielt 22 Jahre lang den Rekord als erfolgreichstes deutsches Album. Grönemeyer ging jahrelang ins Risiko und gab nicht auf. Vor jedem Erfolg steht nicht nur der Mut zu scheitern, sondern tatsächlich das Scheitern. Sind Sie bereit zu fünf Anläufen? Wie mutig gehen Sie in die Dunkelheit des Unbekannten? Drei, vier oder fünf Anläufe? Wie viel Dunkelheit ertragen Sie?

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Kieselstein oder Diamant

Noch mal: ‚Geht nicht‘ ist sinnentleerter Schwachsinn. Menschen, die ‚geht nicht‘ sagen, verwenden selbstverständlich alles, was zuvor eine Idee war, also alles, was uns umgibt: Bücher, Textmarker, Stühle, Kaffeemaschinen, Smartphones, Autos. Alles Ex-Ideen, für die andere gegen ‚geht nicht‘ gekämpft haben. Verschwenden Sie keine Energie mit Energie-Dieben, die an Ihren Ideen zweifeln. ‚Geht nicht‘ heißt häufig: Die Vorstellungskraft reicht nicht. Spontan ist zudem gar nicht zu beurteilen, ob die Idee ein wertloser Kieselstein oder ein wertvoller Diamant ist.

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Möglicherweise stellen Sie später selbst fest, dass die Idee wertlos war. Streichen Sie spontanes ‚geht nicht‘ ersatzlos. Bringen Sie Ihre Kritiker zum Lachen. Die Geschichte ist voller Ideen, die keiner für möglich hielt. Entscheidend ist nur: Wie weit reicht unsere Vorstellungskraft?

Jenseits der Vorstellungskraft

Für mich war der Mauerfall das größte Wunder in meinem Leben. Ich kam 7 Jahre nach dem Mauerbau in West-Berlin zur Welt. Meine Eltern kamen aus Bützow in Mecklenburg-Vorpommern und Wacken (Ja, DEM Wacken!) in Schleswig-Holstein. Ich bin halb Ost- und halb West-Deutscher. Für mich stand die Mauer fest. Ich kannte Berlin und Deutschland nur geteilt. Ein vereintes Deutschland lag für mich jenseits der Vorstellungskraft.

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Aus der Geschichte wusste ich, dass keine Mauer ewig hielt. Auch die deutsche Mauer würde bröckeln und im Museum enden. Ich war mir sicher, dass meine Kinder oder Enkel den Mauerfall erleben würden. Aber für mich stand die Mauer felsenfest. Jetzt wissen wir, die Mauer stand nur 28 Jahre. Solange wie sie stand, ist sie nun schon wieder weg. Wenn sogar das Unmöglichste in meinem Leben bereits passiert ist, wie sollte also irgendetwas nicht gehen?

Alles grau

Seit 1985 feierte ich als West-Berliner regelmäßig Partys mit Freunden in Ost-Berlin. Für meine Freunde in West-Berlin lag Frankreich mental näher, niemand fuhr freiwillig nach Ost-Berlin. „Da ist doch alles grau! Warum fährst du immer rüber?“, fragten mich West-Berliner Freunde. Wer so fragte, wurde von mir zur nächsten Party in Ost-Berlin eingeladen. Hinterher kam immer dieselbe Reaktion: „Die sind ja so wie wir! Hören dieselbe Musik, reden über dieselben Themen. Das hatten wir uns ganz anders vorgestellt!“ Die Realität in Ost-Berlin sah anders aus als die Vorurteile. Versteckt in Wohnungen auf Privatpartys.

Kommst du uns besuchen?

Vier Jahre vor dem Mauerfall klingelte das Telefon. Nachts um 2 Uhr. Es gab 1985 nur ein einziges Telefon im Haus. „Martin, Telefon für dich.“, rief meine Mutter. Wer rief mich um 2 Uhr nachts an? Peinlich. „Hallo, hier ist Howard. Wir sind alle Fans von Howard Jones, so wie du.“

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BÄHM. Ich war wach. „Wir haben dich alle im Radio gehört. Kommst du uns besuchen?“ Monate zuvor hatte ich im Radio dazu aufgerufen, einen Berliner HoJo-Fanclub zu gründen. Womit ich nicht gerechnet hatte, dass Howard Jones Fans aus Ost-Berlin anrufen würden. Das war total verrückt. Zum Glück sagte ich spontan ‚Ja‘. Am 02. November 1985 traf ich Alex, Heike, Howard, Roger, Steffen und Tobias in Ost-Berlin. Später wurde die Party- und Freundes-Gruppe immer größer, Gäste kamen auch aus Teltow, Paris und den USA. Die Partys wuchsen auf 50 Freunde – immer in Privatwohnungen.

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Das waren illegale Versammlungen. Es war nicht erlaubt, sich unangemeldet in so großen Gruppen zu treffen.

Einreise verweigert

Auch am 01.01.1989 fuhren Freunde und ich zur Neujahrs-Party nach Ost-Berlin. Am Grenzübergang S-Bahnhof Friedrichstraße reisten wir alle ein – fast alle. Mir wurde die Einreise verweigert trotz gültigem Visums. Ohne Begründung. Einfach so. Alle anderen aus der Gruppe waren schon in Ost-Berlin. Ich musste zurück nach West-Berlin. Handys gab es nicht und die Freunde in Ost-Berlin hatten kein Telefon zuhause. Keine Möglichkeit, Bescheid zu sagen. Ich starrte das ungültige Visum an. Dann schaute ich noch mal hin, und noch mal und noch mal. Anders als sonst, wenn ich nicht einreisen durfte, fehlte der dicke Stempel „Einreise verweigert“. Mein Tagesvisum war frisch – wie unbenutzt.

Ein undenkbarer Gedanke

Ich wagte den undenkbaren Gedanken: Was wäre, wenn ich an einem anderen Grenzübergang einreiste? Die Idee überraschte mich selbst.

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Das konnte gar nicht klappen. Ich war mir sicher, dass längst an allen Grenzübergängen bekannt war, dass ich nicht einreisen durfte. Doch die Idee war zu laut: ‚Versuch es!‘ Ich fuhr zur Oberbaumbrücke. Die ganze Brücke zwischen Kreuzberg und Friedrichshain war Teil des Todesstreifens. So früh am Neujahrsmorgen war ich der einzige Einreisende. Ich durfte mir nichts anmerken lassen, innerlich war ich starr vor Angst. Der Grenzbeamte schaute auf mein Visum und auf meinen Pass. Dann schaute er mich direkt an. Jetzt platzt die Bombe. Er wird mich anbrüllen, was mir einfiele, ob ich ihn für dumm verkaufen wolle und mich festnehmen. Der Mund des Grenzbeamten öffnete sich, und er sagte freundlich lächelnd: „Jetzt wünschen wir uns erst mal ein frohes neues Jahr.“ Stempel, Einreise genehmigt. Ja, solche Grenzbeamte gab es auch. Meine Idee und mein Mut wurden belohnt.

Ausreisen wie eingereist

„Beim nächsten Mal reisen Sie so aus, wie Sie eingereist sind.“, brüllte ein Grenzbeamter und spielte auf meine Haarfarbe an. Ich hatte auf einer Party in Ost-Berlin mein weißblondes Haar rot gefärbt.

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Um Mitternacht reisten wir aus. Unsere Freunde hatten uns beim Abschied mit zahlreichen liebevoll eingepackten Geschenken überrascht – alle noch verpackt bei der Ausreise. Die Grenzbeamten rissen alle Geschenke auf und stopften sie wieder in unsere Taschen. Es war diese Willkür, Unfreundlichkeit und der krasse Gegensatz zur Menschlichkeit und Nähe unserer Partys, die mich zutiefst erschütterte. Ohnmacht und tiefer Frust gingen mir durch Mark und Bein. Ich weinte wie nie zuvor und nur selten danach. Keine 12 Monate später stand die Mauer nicht mehr.

Staatssicherheitsdienst

Ein Ost-Berliner Freund erzählte mir, er sei unsicher, mit welchen Ost-Berliner Freunden er über seine Idee eines Ausreiseantrags sprechen könne. Es gab Fälle, in denen Ehepartner oder beste Freunde jahrelang alle Informationen an den Staatssicherheitsdienst lieferten. Das Wissen der Stasi war enorm. Der Aufwand, den sie für unsere harmlose Party-Gruppe betrieb, war erschreckend. Eine Ost-Berliner Freundin bekam eine Zwangs-„Einladung”, sich mit einem Offizier der Stasi zu treffen. Dieser Offizier kannte die Namen der Partygäste auswendig – Vornamen und Nachnamen.

Touristen

Einige kreative Schnippchen konnten wir der Stasi noch schlagen. Die Band Depeche Mode gab ein legendäres Konzert in Ost-Berlin. Zwei der größten Fans aus West-Berlin hatten zwar keine Karten bekommen, dafür einen Tipp, in welchem Hotel in Ost-Berlin die vier Briten wohnten. Wir trafen zwei Ost-Berliner Freunde, um zusammen im Hotel zu warten. Vor dem Grand Hotel in der Friedrichstraße stand schon eine Horde von Depeche Mode-Fans. Wir gingen direkt in die Lobby, wo wir sofort nach unseren Ausweisen gefragt wurden. Da die Ost-Berliner aufgeflogen wären, sagte ich: „Wir wollen ins Restaurant“, quer durch die Lobby lag der Eingang zum Restaurant. Die Lobby-Wächter logen: „Die Tür ist verschlossen.“ Wir verließen das Hotel und betraten das Restaurant durch den offiziellen Eingang. Im Restaurant fragten wir auf Englisch nach der Rezeption des Hotels. Freundlichst wurden wir zu der angeblich verschlossenen Tür gewiesen. Aus allen Etagen des Hotels wurden wir von Stasi-Herren beäugt. Aber sie trauten sich nicht, uns zu belästigen. Wir wurden für ausländische Touristen gehalten. Wir tranken stundenlang Kaffee und amüsierten uns – auf Englisch. Tatsächlich kam Depeche Mode, und meine Freunde bekamen ihr Foto vor allen anderen Fans, die draußen warteten.

Ausreise erzwingen

Die Bundesrepublik Deutschland hatte in Ost-Berlin keine Botschaft, stattdessen die sogenannte ‚Ständige Vertretung‘. Ich war mit 30 West-Berliner Schülern nach Ost-Berlin gefahren, um in der Ständigen Vertretung einen Vortrag zu hören. Rund um die Ständige Vertretung erhöhte sich die Dichte an unauffällig auffälligen Stasi-Männern. Sie hatten berechtigte Angst, dass Ost-Berliner Bürger in die Ständige Vertretung rannten, um eine Ausreise nach West-Deutschland zu erzwingen. Unsere 30-köpfige Gruppe kontrollierten sie nicht so genau. Die wagemutige Idee: Ein Ost-Berliner Freund würde in der Gruppe West-Berliner Schüler nicht auffallen. Ein Party-Freund mischte sich in die Schüler-Gruppe und kam mit uns in die Westdeutsche Vertretung in Ost-Berlin. Erst drinnen wurde mir klar, welches Risiko ich eingegangen war. Er hätte drinnen bleiben und seine Ausreise erzwingen können. Politischer Sprengstoff. Wieder draußen in Ost-Berlin brüllten wir vor Lachen, etwas so unvorstellbar Verbotenes getan zu haben. Vermutlich war er der einzige Ost-Berliner, der jemals die Ständige Vertretung freiwillig Richtung Ost-Berlin verlassen hat.

Die Mauer ist weg

Sechs Monate später fiel die Mauer. All das war Geschichte. Meine Vorstellungskraft wurde laufend gesprengt. Ich bin so dankbar, dass ich JA gesagt habe und ins Unbekannte gereist bin. Ein einziger Moment gab den Ausschlag. „Kommst du uns besuchen?“ Streichen Sie ‚geht nicht‘ aus Ihrem Vokabular. Lachen Sie freundlich aber bestimmt, wenn andere den ‚geht nicht‘-Unsinn verbreiten. Die Mauer ist weg. #AllesGehtAnders #RockYourIdea

Der Musiker Howard Jones, der die Ost-West-Partys ausgelöst hat, singt seit 1985 in seinem Song „Things Can Only Get Better“: „Lebe so, dass du nichts bedauerst, wenn du 60 Jahre alt wirst”. 2015 feierte er seinen 60. Geburtstag und gab weltweit 81 Konzerte. 2016 sind es noch mehr Konzerte. Vision erreicht!

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