Fortbewegen – sonst fällt man um. Wider die Ausschließeritis. Im Gespräch Tarek Al-Wazir

Gepostet am 29. November 2016 in Blog, Hintergrundgeschichten, on Tour

Fortbewegen – sonst fällt man um. Wider die Ausschließeritis. Im Gespräch Tarek Al-Wazir

„Europa ist wie ein Fahrrad. Fortbewegen – sonst fällt es um“, sagt Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir im Frankfurter Club-Gespräch vom Handelsblatt zum Thema „Bankenkrise, Brexit und Börsenfusion“.

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Zu diesen Themen sprach er sehr bedacht, denn die Börsenaufsicht gehört zum Hesseisschen Wirtschaftsministerium. Und man hätte ja erlebt, dass öffentliche Äußerungen wie von Minister Gabriel zu Edeka und Tengelmann zu Klagen führen können.

Frankfurt am Main ist der größte Finanzplatz der EU – ohne UK. Es laufen Verhandlungen mit „Kleineren und Größeren“, so Al-Wazir. Wirkungen im Arbeitsmarkt?#Brexit: kann mir vorstellen, dass wir einige 1000 Arbeitsplätze holen“ tweetet Yasmin Osman vom Handelsblatt. Al-Wazir erwartet keine Massenbewegung nach Frankfurt. Selbst wenn wichtige Entscheidungen im Frühjahr 2017 fallen, würden sich Verlagerungen und Umzüge über Jahre hinziehen und vielleicht nur ersetzen, was andere Banken abbauen. Zur Frage: Fusion @Commerzbank und @DeutscheBankAG? @talwazir ist von Idee „nicht überzeugt“. Wenn beide Hausaufgaben machen, unnötig. und „wenn nur eine ihre Hausaufgaben macht, wird sie durch die andere nicht stärker“ #TRUE

Sein Name Al-Wazir bedeutet „Der Minister“. Bereits seit 21 Jahren arbeitet er im Hessischen Landtag. Redegewandt, diplomatisch, elegant und humorvoll warnt er davor, dass viele Menschen Europa zu selbstverständlich nehmen und nur noch über die EU motzen würden. Er plädiert nicht nur dafür, weniger über die EU zu meckern, sondern mehr für Europa zu brennen. Als er 1971 in Offenbach geboren wurde, war er kein Deutscher, denn seine deutsche Mutter zählte nicht. Sein Vater kam aus dem Jemen. Sein Großonkel war dort einige Wochen lang König, bevor er geköpft wurde, stellte Daniel Schäfer, Handelsblatt-Finanzressortleiter, seinen Gesprächspartner vor.

Die Hälfte seiner Familie lebt im Jemen, sagte Al-Wazir, und dort fallen Bomben auf die Menschen. Was morgen ist, weiß keiner. Es gibt keine Krankenversicherung. Werden Menschen krank, legen alle zusammen, oder der Mensch stirbt. Drastische Worte. Auch deshalb sein Appell, mehr für die EU zu brennen. Früher galten am Bodensee drei Pässe. Heute vergessen Deutsche immer wieder bei Auslandsreisen jenseits der EU ihren Pass, weil sie es aus Europa gar nicht mehr kennen.

Politisch ist für ihn die Kernfrage „Was wollen wir“. Deutschlandweit gäbe es mehr grüne Regierungsbeteiligungen als Schwarze. Das Verbindende sei die gleiche Politik. Überall fände man Grüne im Umwelt-, Landwirtschafts- oder Wirtschaftsministerium. Und in Hessen laufe Schwarz-grün erstaunlich unaufgeregt. Gerade heute berichtete die FAZ, Hessen sei das einzige Bundesland, in der die Hochschulverantwortlichen sagen, die Rahmenbedingungen der Lehre und Hochschulen habe sich verbessert. Leider nur ein Zweizeiler und keine Schlagzeile. Denn Politiker würden nicht für erzielte Erfolge, sondern für Versprechen für die Zukunft gewählt.

Das Wort des Abends: Die „Ausschließeritis“. In Hessen gab es Zeiten, da haben politisch Verantwortliche so viel ausgeschlossen, dass am Ende gar keine Koalition mehr möglich war. Bis zur Bundestagswahl 2017 und zur Wahl in Hessen 2018 würde noch so viel passieren, nichts ausschließen und fortbewegen, sonst fällt man um.

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