Wer hat Risikoappetit? Risiko ist Risiko, und Risiko bleibt Risiko

Gepostet am 10. November 2016 in Blog, Hintergrundgeschichten, Ideen, Meine Meinung

Wer hat Risikoappetit? Risiko ist Risiko, und Risiko bleibt Risiko

Ein Buchstabe macht den Unterscheid: „prize“ vs. „price“. „Everybody wants the prize, but nobody is willing to pay the price.“ Bereit, harte Arbeit zu investieren? Opfer zu bringen? Jeder erwartet, dass es einfach ist. Es ist nicht einfach. Streicht „easy“ aus dem Vokabular, wenn ihr etwas Besonderes erreichen wollt. Alles Wertvolle und Bedeutende ist nicht einfach zu erzielen. Risiko ist Risiko und bleibt Risiko.

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Für wirklich Neues gibt es keine Abkürzung. Die kreative Arbeit ist, tiefer ins Dunkle und Fremde zu gehen als alle anderen. Das ist hart, denn keiner kennt das fremde Terrain, keiner hat das Ergebnis je zuvor gesehen, und niemand weiß, wie lange es dauert. Neues braucht Menschen, die lachend Grenzen überschreiten, fest an ihre Vision glauben und Ideen gegen alle Widerstände durchboxen. An welche Grenzen stoßen Sie? Wer keine persönliche Grenze durchbricht, innoviert nicht. Wer keine Regel bricht, steckt im Altbekannten und Bewährten fest.

Risikoappetit

Wer Veränderung will, braucht großen Risikoappetit. Wer hat einen grenzenlosen Knall und geht all in? Sind Sie dazu bereit? „Europa fehlt die Risikokultur für einen Tech-Boom. Ja, in Europa fehlt es eindeutig an Risikokapital – und an Risikoappetit.“, sagt Patrick Healy, Europa-Chef der Investmentgesellschaft Hellman & Friedman. Innovation ist Glatteis. Vor jedem Erfolg steht nicht nur die Bereitschaft zu scheitern, sondern tatsächlich das Scheitern. Es gibt keine Abkürzung.

Wie nehmen Sie Ihr Umfeld wahr? Herrscht Lust, Neues zu suchen und umzusetzen? Wird GROSS gedacht? Wird GROSSES gemacht? Meistens sterben Ideen. Das ist Teil des Risikoappetits. Herbert Grönemeyers Karriere startete mit vier erfolglosen Alben, so erfolglos, dass die Intercord Ton GmbH den Vertrag kündigte. Grönemeyer kämpfte weiter. WER VON UNS HÄTTE JETZT NOCH DAS 5. ALBUM AUFGENOMMEN? „Bochum“ war sein Durchbruch, und das 6. Album „Ö“ hielt 22 Jahre lang den Rekord als erfolgreichstes deutsches Album. Wie weit geht Ihr Risikoappetit? Drei, vier oder fünf Versuche?

All In

Einer der bekanntesten Verrückten unserer Zeit ist Elon Musk. Er hat mehr als einen Knall. Mit 27 Jahren bekam er 22 Millionen Dollar für seine erste Firma Zip2. Was hätten Sie mit 22 Millionen Dollar gemacht? Musk gründete die Firma X.com, ein Grundstock des Unternehmens Paypal. Ebay kaufte Paypal. Was hätten Sie mit 250 Millionen Dollar gemacht? Musk investierte sein Vermögen in Solarcity, in das Elektroauto Tesla und in SpaceX für die Raumfahrt. Selbstverständlich liefen die Projekte nicht rund. Raketen explodierten, Batterien für den Tesla brannten, und Geld war knapp. 250 Millionen Dollar investiert. In unsere Zukunft – wenn es klappt. Musk geht immer all in. Er investierte alles. Er könnte alles verlieren. Doch aufgeben ist kein Bestandteil seiner Weltsicht. „Easy“ existiert für ihn gar nicht.

Ein neuer Risikoappetit in der Werbung brachte Supergeil feat. Friedrich Liechtenstein über 17 Millionen Klicks und EDEKA ein frisches Image. Der Chef der Werbeagentur Jung von Matt, Peter Figge erzählt: „Natürlich hat es anfangs auch Leute gegeben, die Friedrich Liechtenstein zu hässlich fanden. Und dann dieser Bauch in der Badewanne. Aber ohne den Mut, Risiko einzugehen, kriegt man keine hohe Rendite.“ Auf „Supergeil“ folgte die noch erfolgreichere „Kassensymphonie“ mit über 39 Millionen Klicks. Und EDEKA ruhte sich auf diesen Erfolgen nicht aus.

Tabubruch

Der Risikoappetit wurde erhöht. Ein in 100 Sekunden perfekt inszenierter Tabubruch, der in nur 10 Tagen 40 Millionen Klicks schaffte. #heimkommen versucht nicht, Supergeil und Kassensymphonie zu kopieren, denn eine Idee überrascht nur ein Mal. Der Redakteur Santiago Campillo-Lundbeck lobt Edeka: „Es ist der mutigste Werbefilm, den man im deutschen Lebensmittelhandel je gesehen hat. Nur Edeka traute sich, Tod und Einsamkeit unter dem Weihnachtsbaum zu platzieren.“

Risikoappetit ist keine Garantie, aber eine zwingende Voraussetzung dafür, dass die Idee rockt. Sind Sie bereit zum Misserfolg? Erst dann sind Sie bereit zum großen Erfolg! Doch geht es schief, wussten es die Besserwisser schon vorher: „Das musste schief gehen.“ Oder: „Mit Gefühlen spielt man nicht. Wie unsensibel, Werbung auf Kosten einsamer Senioren.“ Kennen Sie außergewöhnliche Ideen von Besserwissern? Nein! Ausgeschlossen. Besserwisser sind viel zu vorsichtig, um ins Risiko des Unbekannten zu gehen. Gegen Besserwisser gibt es ein Rezept, das Ben Horowitz empfiehlt: „Seid darauf vorbereitet, lächerlich gemacht zu werden.“

Paradies der Möglichkeiten

Natürlich werden außergewöhnliche Ideen zuerst verlacht. Umgeben Sie sich mit risikohungrige Mittäter. Suchen Sie Rat von Menschen, die selbst ins Risiko gehen, die wissen, wovon sie reden. Wer nie im Risiko war, hat keine Ahnung und sollte besser schweigen. Wer nie seine persönliche Grenze durchbrochen hat, wer nie etwas Unerwartetes zugelassen hat, weiß nicht, was Risikoappetit bedeutet. Spinner gehen los, entdecken, bringen die Ideen mit. Man weiß erst Wochen oder Jahre später, ob die Idee läuft. Ohne den Dreiklang aus Mut, Risikoappetit und der Möglichkeit zu scheitern, bleibt alles stehen. Mit Risiko werden die Karten neu gemischt.

Wir leben im Paradies der Möglichkeiten IN JEDEM ALTER. Es geht nur ums Starten und Machen, egal ob mit 23, 37 oder 61 Jahren. Es gibt so viele Probleme, die nach neuen Lösungen schreien. So viele Möglichkeiten, persönlich zu wachsen. „Es geht im Leben nicht darum, Probleme zu lösen, sondern persönlich zu wachsen”, schreibt Christian Bischoff. Risikoaffine Grenzgänger werden wachsen. Innovatoren lernen immer dazu, denn sie erleben Überraschungen. Der Sturm im Kopf lässt die Synapsen knallen und neu verbinden. Das Unerwartete bringt frisches Denken und Ideenfitness.

Schließen Sie das Patentamt

Im Jahr 1899 schlägt Charles H. Duell, Leiter des US-Patentamts, dem Präsidenten der USA vor, das Patentamt zu schließen! Seine Begründung: „Mit neuen Patentanmeldungen sei nicht mehr zu rechnen. Alles, was man erfinden kann, ist schon erfunden.“ Warum diese kolossale Fehleinschätzung? Er saß an der Quelle und las täglich neue Patentanmeldungen. Er hatte mit Menschen zu tun wie Thomas Edison, der 2.332 Patente angemeldet hat. Der Eiffelturm war gerade 10 Jahre alt, als Duell meinte, dass Weiterentwicklung enden würde. Ließ er sich täuschen von allem, was er sah? War seine Welt zu voll? Haben Produkte und Technologien seinen Blick verstellt für die Millionen Patente und Milliarden Ideen, die nach 1899 entdeckt wurden?

Wir sind umgeben von Ex-Ideen. Alles, was wir sehen, riechen, hören, benutzen, war mal eine Idee. Alles, was wir nie wieder missen wollen, ist eine Ex-Idee, die zuerst vehement abgelehnt wurde. Ex-Ideen sind jetzt nützlicher Alltag. Gleichzeitig halten sie uns fest. Wir kleben am Bewährten. Ideen werden bekämpft, bevor sie der neue Standard werden. Der neue Standard hält uns dann fest, und die nächsten Ideen werden abgelehnt. Alte Ideen stehen neuen Ideen immer im Weg. Ist Wandel nicht normal? Lolly Daskal: „Die schlechte Nachricht: Nichts bleibt permanent. Die gute Nachricht: Nichts bleibt permanent.“ Stellen wir die irrtümliche Sichtweise vom Kopf auf die Füße. Das Normale ist nicht die Tradition, sondern der Wandel.

Kein gut oder schlecht – kein richtig oder falsch

Neue Ideen sind nicht grundsätzlich besser als alte Ex-Ideen. Ideen sind so gut oder schlecht wie Menschen. Ideen können Leben retten oder Leid verursachen. Jeder Mensch weiß, wo er das 09/11-Desaster 2001 erlebt hat. Ich saß am Mittelmeer bei meiner Spanischen Oma, im TV stürzten die Türme ein. Abgrundtief böse, grausam, kaltblütig, mörderisch und – aus der Sicht eines Ideenprofis – leider auch genial. Eine perfekte Idee, die alle überrascht hat, mit der niemand gerechnet hätte. Es gibt so viele gute und schlechte Ideen wie es gute und schlechte Menschen gibt. Wie Ideen genutzt werden, liegt an Menschen und persönlichen Entscheidungen.

Ihr Risikoappetit ist Ihr Risikoappetit. Ihr Mut ist Ihr Mut. Es gibt kein Ziel, das Sie nicht erreichen können. Man kann sich verrennen oder Grenzen überwinden. Es gibt kein Patentrezept. Kein richtig oder falsch. Es ist immer anders. Sie sind der erste Mensch, der zu Ihrer Idee vorgedrungen ist. Sie haben das Potenzial gesehen, und nun zieht es Sie magisch an. Sie investieren immer mehr Zeit, Geld und Herzblut.

GoDaddy

Bob Parsons hat mit über 30 Millionen Dollar und noch mehr Herzblut GoDaddy, den größten Internetprovider und Webhoster in den USA gegründet. Er schwor sich, die Reißleine zu ziehen und GoDaddy zu beenden, wenn sein Privatvermögen auf sechs Millionen Dollar unterschritt. Der Tag kam, an dem ihn der Kontoauszug an den Schwur erinnerte. Sollte er zu seinem Wort stehen und aufhören? Aufgeben? Möglicherweise war er dicht vor dem Erfolg? Alle Risiko-Grenzgänger kennen die bohrende Frage: Weitermachen oder aufhören? Anfang 2001 stand er kurz davor, GoDaddy zu beenden. Er wollte nicht zocken. War GoDaddy tot?

Etwas Neues ist nicht eindeutig tot oder lebendig. Die Idee ist noch klein, unscheinbar, unbekannt. „Die Versuchung, aufzuhören, wird am größten, wenn du kurz davor bist, erfolgreich zu werden. Ich hätte GoDaddy fast beendet, weil ich Angst hatte.“ Völlig unerwartet verschwand die Konkurrenz im Providermarkt, die Dotcom-Blase platzte, nur GoDaddy – finanziert mit Parsons Eigenkapital – blieb und triumphierte. Ein halbes Jahr nachdem er fast aufgegeben hätte, war GoDaddy profitabel. Parsons Rat an Grenzgänger: „Bleib lange genug im Spiel, damit die richtigen Dinge passieren können“. Heute betreut GoDaddy 59 Millionen Domains, beschäftigt 4.000 Mitarbeiter und macht im Quartal über 80 Millionen Dollar Gewinn. Parsons spendet alle zehn Tage eine Million Dollar.

Risiko bleibt Risiko

Hand aufs Herz, hätten Sie an Parsons Stelle aufgegeben oder weitergemacht? Ist der Markt noch nicht reif oder gibt es gar keinen Markt? Es ist völlig offen. Ideen können die Welt verändern, doch die meisten Ideen verpuffen. Mehrfach bin ich ins Risiko der Unternehmensgründung gegangen und habe viel Zeit und Geld investiert. Die 2006 gelaunchte Frage-Antwort-Plattform askabit wurde vom Wettbewerber gutefrage.net überholt und abgehängt. Die Azubi-Community Younect wurde hoch gelobt, gewann Preise, blieb aber wirtschaftlich erfolglos. Wir waren 2008-2010 zu früh im Markt, heute sind andere Firmen auf diesem Feld erfolgreich.

Man kann zu früh starten und auch zu spät vom toten Pferd absteigen und hoch verschuldet alles verlieren. Kein Grenzgänger kann wissen, ob er kurz vor dem Ziel oder noch meilenweit vom Erfolg entfernt ist. „Die Wahrheit ist: Es ist schwieriger, Entrepreneur zu sein, als Merrill Lynch zu leiten. Und das sage ich nicht einfach so – ich habe Merrill Lynch geleitet“, sagt Sallie Krawcheck.