Eine Gelegenheit beim Schopfe packen. JA sagen. JETZT zugreifen. Überraschungen zu Ideen mixen. ROCK YOUR IDEA geschenkt

Gepostet am 21. Dezember 2017 in 44Fragen, Blog, Ideen

Eine Gelegenheit beim Schopfe packen. JA sagen. JETZT zugreifen. Überraschungen zu Ideen mixen. ROCK YOUR IDEA geschenkt

„Gründest du mit mir eine Firma?“, fragte mich Matthias Klopp 1998. Am 01.01.1999 starteten wir unsere erste Firma Knack die Nuss. Später gründete ich Gewinnovation, Sweet Souvenir, Miniwall, Askabit, Younect, cleverheads, Provotainment, Goforteam und Sharetrust. Die Basis war Knack die Nuss, mein erster Schritt ins Unternehmer-Sein. Ich hatte zugegriffen, als Matthias mich fragte.

„Kommst du mit zur Audition?“ Ich war ganz neu in den USA und ging in Phonix, Arizona zur High School. Ich war gerade auf dem Weg nach Hause zu meiner Gastfamilie als Amy mich ansprach. Ich kannte das Wort „Audition“ nicht. Aber Amy war nett, und ich ging mit. Ich landete in einem riesigen Theater. Jede Schule in Phoenix hat große, professionell ausgestattete Theater. Auf der Bühne sprachen bereits viele Schüler für Rollen vor. Ich hatte mich kaum hingesetzt, da sagte Amy: „Und jetzt sprichst du für eine Rolle vor.“ Ich hatte noch nie Theater gespielt und mein Englisch war richtig schlecht. Aber Amy war so nett und überzeugend. Ich ging auf die Bühne und sprach, was auf einem Zettel stand: „Ch, Ghrr, Argh.“ So klang das. Wenig Englisch. Zum Glück. Am nächsten Tag hatte ich eine Hauptrolle. Ich spielte Dr. Einstein in „Arsen und Spitzenhäubchen.“ Unter 1.000 Schülern sprach keiner den deutschen Akzent so gut wie ich. Das „Ch, Ghrr, Argh“ ist der deutsche Akzent des deutschen Dr. Einstein und steht so im Skript. „Achtung“ mit der Betonung auf „ch„.

Drei Monate verbrachte ich meine Freizeit im Theater. Ich habe Freunde fürs Leben gewonnen. Entscheidend war: Ich habe zwei Mal mutig zugegriffen OHNE zu wissen, was auf mich zukommt.

  1. „Kommst du mit zur Audition?“ JA!
  2. „Jetzt sprichst du für eine Rolle vor.“ JA!
Plakat Cortez High School – Gaedt in der Rolle Dr. Einstein

Sie haben jetzt die Chance, mein Buch ROCK YOUR IDEA geschenkt zu bekommen. Eine Liebeshymne auf Ideen für mutige Aufbrecher. Ideenfitness ist Träumen und Anpacken, Spinnen und Umsetzen. 2016 wurde ROCK YOUR IDEA prämiert mit dem Alternativen Wirtschaftsbuchpreis. Aktuell verschenken wir ROCK YOUR IDEA – Hardcover mit 120 Geschichten und 1.000 Fragen – Sie können es direkt hier bestellen. Humorvoll und unterhaltsam. Bereits beim Lesen sprudelt Ihre Kreativität.

Werden Sie Ja-Sager

Wenn ein Angebot auf Sie zukommt, sagen Sie Ja. Was kann Ihnen passieren? Es wird ein Erlebnis. Ihr Leben wird reicher. Bunter. Anders. Wann sagen Sie Ja zu neuen Erfahrungen? Wann sagen Sie Nein? Wägen Sie gründlich ab? Vorsichtig? Intuitiv? Schnell? Ist „Nein“ ein Impuls gegen Neues? Haben Sie schon mal Gelegenheiten beim Schopfe gepackt? Ideen brauchen Ja-Sager. Nicht solche, die zum Status quo und zum Establishment Ja sagen, sondern Menschen, die zu unerwarteten Chancen und Gelegenheiten Ja sagen. Menschen, die sich auf Ungewöhnliches einlassen.

In der griechischen Mythologie hat die Zeit zwei Dimensionen: Chronos steht für Ordnung und geregelte Abläufe. Chronos prägt unseren europäischen Zeitbegriff, den wir im Alltag verwenden. Gerade. Messbar. Planbar. Die Griechen wussten, dass da was fehlt. Kairos stellt in der Mythologie das Schräge und Unplanbare dar. Kairos steht für den günstigen Zeitpunkt, Chaos, Unordnung, Chancen und einmalige Gelegenheiten. Der ordentliche Chronos steht für den stetigen Fluss der Zeit und der chaotische Kairos steht für alles, was die Ordnung unvorhergesehen unterbricht. Kairos wird mit einem Pferdeschwanz dargestellt.

© Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

 

Kairos auf einem Fresko von Francesco Salviati

Das Sprichwort „eine Gelegenheit beim Schopfe packen“ beschreibt das Zupacken, wenn eine Chancen auf Sie zukommt. JETZT. Zugreifen. JETZT. Wieder weg. JETZT. Die nächste Gelegenheit. Zugreifen. Machen. Und weg. Gelegenheiten kommen und gehen. Man weiß nie, was dahinter steckt. Chancen sind Geschenke. Welche Tür öffnen Sie? An welcher Gelegenheit gehen Sie vorbei? Ist Ihr Sinn für Zufälle geschärft? Chronos & Kairos sind zwei unterschiedliche, widersprüchliche, aber untrennbare Facetten der Zeit und der Innovation. Was fliegt Ihnen zu? Nutzen Sie Zufälle? Fangen Sie eine günstige Gelegenheit auf wie Bälle? Mit Kairos können Sie nicht planen. Gelegenheiten sind unberechenbar und immer eine Überraschung. Dann gilt es zuzupacken.

Kathinka Alexandrow und ich nahmen 2006 an einem Businessplanwettbewerb teil. Einem Juror gefiel unsere Firma Younect zur Berufsorientierung und Vermittlung von Auszubildenden so gut, dass er uns die Unterstützung der Gründerförderung profund der Freien Universität Berlin anbot. Wir sagten Ja. Im Mai 2007 zogen wir in die Gründervilla ein. Dort hatten wir nicht nur ein Büro, sondern auch die Möglichkeit, Investoren und Geschäftspartner in repräsentative Räume einzuladen. Über profund nahmen wir mit einem Stand an der „Langen Nacht der Wissenschaft“ teil. Wir sagten Ja. Doch in diesem Teil der Universität kam niemand vorbei. Flaute. Nach zwei Stunden blieb unerwartet ein Mann stehen und fragte: „Was macht ihr?“ „Wir bieten Schülern Berufsorientierung. Unternehmen vermitteln wir passende Kandidaten für ihre Ausbildungsplätze.“ Harsch grätschte er rein: „Braucht kein Mensch“. Ich konterte und erzählte ihm von 141.000 Azubis, die jährlich ihre Lehre abgebrechen und bei den Unternehmen einen Schaden von 580 Millionen Euro verursachen. Der Hauptgrund sind falsche Vorstellungen, was sie in der Ausbildung erwartet. „Das klingt interessant. Ich hole mir einen Kaffee, dann sprechen wir weiter.“ Der Mann kam tatsächlich mit einem Kaffee zurück. Wir redeten zwei Stunden, bis der Stand abgebaut wurde. Am nächsten Tag trafen wir uns zum Brunch. Ich hatte die Chance genutzt. Auf „braucht kein Mensch“ reagierte ich vorbereitet. Ich hatte Kairos am Schopf gepackt. Unser Zufallsbesuch investierte als Business Angel – wir sagten Ja – und sorgte über seine Kontakte für Venture-Capital-Investments.

Warum war er überhaupt am Samstagabend zu unserem Stand gekommen? Er wohnte in der Nähe der Freien Universität. Draußen hatte es geregnet. Die Gänge der Universität waren für ihn der trockenste Weg nach Hause. Dass wir auf seinem Weg standen, brachte uns den günstigen Augenblick, den Kairos.

Es gibt auch Grenzen des Ja-Sagens. Mit einer anderen Firma verhandelte ich drei Monate mit einem Investor über eine Beteiligung. Er brachte Geld und über 20 Jahre Vertriebserfahrung mit. Diese wollte er aktiv einbringen und 500 neue Kunden in sechs Monaten gewinnen. Traumhaft. Seine Bedingung war, dass er zusammen mit einem Geschäftspartner einsteigt. Kurz vor dem Termin beim Notar postete dieser Geschäftspartner auf Facebook einen Link zu einer Seite mit rechtsradikalen Inhalten. Die rote Linie war deutlich überschritten. Aus unserem Ja zum Investment wurde ein deutliches Nein zu diesem Geschäftspartner. Als ich den Investor darauf ansprach, meinte er: „Selbstverständlich muss mein Geschäftspartner den Link sofort löschen.“ Einen Link kann man löschen, eine innere Haltung nicht. Der Link konnte kein Versehen gewesen sein. Daher blieben wir beim Nein. Der überraschende Link auf die rechtsradikalen Inhalte war eine einmalige Gelegenheit und die Chance, die wahre Gesinnung zu erkennen und rechtzeitig vor dem Notartermin die Zusammenarbeit abzusagen. So blieb uns eine lange Bindung erspart.

Nein und Ja sind kein Selbstzweck. Es geht um Erlebnisse, Erfahrungen und neue Zutaten für Ideen. Als ich eine Reise für Freunde in das französische Dorf Taizé organisierte, fragte eine Bekannte: „Nimmst du auch Leute mit, die du nicht kennst?“ Ich sagte Ja und löste damit 40 Anmeldungen aus. Ein paar Wochen später rief mich ein mir unbekannter Pfarrer an. Claus Eggers veranstaltete Projektwochen in Brandenburger Schulen und bat mich, mitzumachen. Ich liebe Diskussionen mit Schülern und sagte Ja. Wie hatte er mich gefunden? Der Sohn seiner Putzfrau war einer der neuen Bekannten auf meiner Fahrt nach Taizé. Mein Ja zu neuen Mitreisenden führte zum Angeot von Claus Eggers. In einer der Projektwochen sagte ein 16-jährigen Schüler in einer Diskussionsrunde: „Natürlich bescheiße ich. Ich werde ja auch überall beschissen.“ Ich war total fasziniert von diesem Satz. Was für ein trauriges Menschenbild. Ich war aufgewühlt. Einige Wochen später kam Kairos mit der Idee zu mir, ganz unterschiedliche Menschenbilder von vielen Jugendlichen zu veröffentlichen. Ich sagte Ja zu der Idee und veranstaltete 7 Jahre lang künstlerisch-kreative Wettbewerbe. 12- bis 27-jährige konnten singen, schreiben, malen und coden. In den Jurys hörten und sahen rund 300 Künstler/innen, Journalist/innen und Politiker/innen die kreativen Meinungen. Darüber lernte ich Matthias Klopp kennen, mit dem ich 1999 zum ersten Mal Unternehmer wurde. Ich sagte Ja, und wir gründeten Knack die Nuss. Ein Seminarteilnehmer bei Knack die Nuss, Björn Benz, wurde 2001 mein Geschäftspartner bei Gewinnovation. Als Björn die Idee zu Fruchtgummis in Form der Berliner Sehenswürdigkeiten hatte, fragten wir Kathinka Alexandrow, ob sie mit uns Sweet Souvenir gründet. Sie sagte Ja. So wurden wir Geschäftspartner. Drei Jahre später gründeten Kathinka und ich zusammen Younect und später cleverheads.

Erfolgsmuster Zufall

Ideenfitte Menschen sind immer „on“ für neue Zutaten. Auf der nächsten Party könnte Ihnen ein Unbekannter eine Frage stellen, die zur nächsten Idee führt. Was nicht überrascht, ist nicht neu. In der Rückschau erscheinen uns viele erfolgreiche Entwicklungen als total logisch, strategisch geplant und absehbar. Aber eben nur in der Rückschau. Menschen sind blind für zufällige, unberechenbare Ereignisse, weil wir kein Sinnesorgan für den Zufall haben. Der Bestsellerautor und Kabarettist Vince Ebert trifft den Nagel auf den Kopf. Er sagt, dass die Welt nicht berechenbar ist und Erfolge auch von Zufällen abhängen. Er beschreibt sehr unterhaltsam, wie uns unser Gehirn einen Streich spielt: Das Gehirn ist darauf ausgerichtet, Muster zu erkennen. Auch dann, wenn es keine Muster gibt. Das Gehirn baut sich Muster und spielt uns so stabile Zustände vor. Ich stelle mir das so vor: Das Gehirn will uns einen Gefallen tun, denn Menschen lieben Stabilität, Harmonie und Sicherheit. Doch Kairos kommt und geht, wann Kairos will.

Ernst & Young-Zentrale lüftete das Geheimnis erfolgreicher Unternehmen, nachdem sie jahrelang die Gewinner des Wettbewerbs „Entrepreneur des Jahres“ untersucht und Erfolgsfaktoren entdeckt hatten. Flache Hierarchien, schnelle Entscheidungen, hohe Bereitschaft zur Innovation, häufige Fortbildungen und eine Beteiligung aller Mitarbeiter an der Weiterentwicklung des Unternehmens. Ein klares Muster, der Weg zum Erfolg. Alles klar. Aber was wäre, wenn genauso viele Unternehmen, die die Erfolgsfaktoren berücksichtigen, pleite statt erfolgreich sind? Denkbar? Wahrscheinlich? Ich fragte den Gastgeber Peter Englisch, ob untersucht wurde, wie viele insolvente Unternehmen ebenfalls die von Ernst & Young identifizierten Erfolgsfaktoren befolgt hatten. Wie erwartet gab es dazu keine Erhebung. Ernst & Young hatte rückblickend aus den Erfahrungen der Erfolgreichen ein Muster gebildet. Zweifelsohne sind flache Hierarchien und die Bereitschaft zur Innovation sinnvoll. Aber eine hinreichende Aussagekraft über Erfolg und Misserfolg bieten diese Faktoren nicht.

Ich bin ganz auf Vince Eberts Linie, dass viele Erfolge das Produkt von glücklichen Zufällen und unvorhersehbaren Faktoren sind. Wie oft ist Kairos Ihnen begegnet? Wie oft haben Sie zugegriffen? Wie oft blieb die Chance unerkannt links liegen? Wir können dem Glück auf die Sprünge helfen, indem wir offen bleiben und Ja zum Kairos sagen. Ständig begegnen uns Menschen, Chancen, Geschenke. Manche Menschen greifen zu, andere laufen daran vorbei. Meisterhafte Geistesblitze suchen sich ihre Meister aus. „Ich werde mich vorbereiten, und eines Tages wird meine Chance kommen“, sagte Abraham Lincoln, bevor er 1860 zum 16. Präsident der USA gewählt wurde. Als seine Chance kam, nutzte er die Macht seines Amtes, um die USA zur Abschaffung der Sklaverei und auf den Weg zu einer modernen Industrienation zu bringen.

Unser Gehirn tut alles, damit wir den ständigen Wandel übersehen. Es gaukelt uns System und Muster vor, während draußen alles in Bewegung ist. Deshalb liegt es an Ihnen, ob sie sich verschließen und in Ihrem Muster leben – oder ob Sie offen bleiben, immer neue Fehler machen und versuchen, Kairos am Schopfe zu packen. Für mich war der Mauerfall das größte Wunder in meinem Leben. Ich wurde in West-Berlin geboren. Für mich stand die Mauer fest. Ein vereintes Deutschland lag für mich jenseits der Vorstellungskraft. Ich dachte, dass meine Kinder oder Enkel den Mauerfall erleben würden. Aber mein ganzes Leben würde die Mauer Deutschland trennen. Jetzt wissen wir, die Mauer stand nur 28 Jahre. So lange wie sie stand, ist sie schon wieder weg.

Gruppe der Ost-West-Partys 1988. Weltzeituhr Berlin

Seit 1985 feierte ich als West-Berliner Partys bei Freunden in Ost-Berlin. Die Mauer trennte die Stadt. Bedrohlich. Lebensgefährlich. Vier Jahre vor dem Mauerfall klingelte das Telefon. 2 Uhr nachts. Peinlich. 1985 gab es nur ein einziges Telefon in unserem Haus. „Martin, Telefon für dich“, rief meine Mutter. Am anderen Ende der Leitung: „Hallo, hier ist Howard. Wir sind alle Fans von Howard Jones, so wie du.“ BÄHM. Ich war wach. „Wir haben dich im Radio gehört. Kommst du uns besuchen?“ Sechs Monate zuvor hatte ich im West-Berliner Radio dazu aufgerufen, einen Howard Jones-Fanclub zu gründen. Nie im Leben hatte ich damit gerechnet, dass sich Fans aus Ost-Berlin melden. Das war total verrückt. Jenseits meiner Vorstellungskraft. „Kommst du uns Besuchen?“ KAIROS PUR. Chance. Ein Moment. Ja oder nein? Zum Glück sagte ich spontan Ja und traf Alex, Heike, Howard, Roger, Steffen und Tobias in Ost-Berlin. Alle West-Berliner hielten mich für verrückt. Immer, wenn ich nach Ost-Berlin zur Party fuhr, fragten mich Freunde: „Warum fährst du immer rüber? Da ist doch alles grau!“ Wer so fragte, wurde von mir zur nächsten Ost-West-Party eingeladen. Hinterher kam immer dieselbe überraschte Reaktion: „Die sind ja so wie wir! Hören dieselbe Musik, reden über dieselben Themen, tragen coole Klamotten. Das hatten wir uns ganz anders vorgestellt!“ Die Realität war anders als die Vorurteile. Warum? Wenn wir etwas nicht kennen und nichts darüber wissen, haben wir trotzdem eine Meinung dazu. Wir stellen uns ein Bild vor: Alles klar, das ist soundso. Doch unsere Vorstellung irrt sich und die Realität ist anders. Und so wurde die Party-Gruppe immer größer, Gäste kamen aus Ost-Berlin, Kleinmachnow, Teltow, West-Berlin, Paris und den USA. Wir feierten viele aufregende Partys mit bis zu 50 Freunden. Das waren illegale Versammlungen. Es war nicht erlaubt, sich unangemeldet in so großen Gruppen zu treffen. Wir tanzten und sangen in Wohnungen der Freunde gut bewacht von der Staatssicherheit. Ein Mitarbeiter der Stasi versuchte, Freunde anzuwerben. Wir staunten nicht schlecht, dass er die Namen aller Partygäste auswendig wusste. Die Stasi las unsere Briefe. Einmal hatten sie vergessen, den Brief zurück in den Umschlag zu stecken, und der Umschlag kam leer an.

Eine gewagte Idee

Am 1. Januar 1989 fuhren Freunde und ich zur Neujahrsparty nach Ost-Berlin. Am Grenzübergang S-Bahnhof Friedrichstraße reisten wir alle ein – fast alle. Denn mir wurde die Einreise verweigert, trotz gültigen Visums. Ohne Begründung. Einfach so. Alle anderen aus der Gruppe waren schon durch. Ich hatte keine Möglichkeit, sie zu erreichen. Handys gab es nicht. Unsere Freunde in Ost-Berlin hatten keine Telefone zu Hause. Ich starrte dieses Visum an, das nun ungültig war. Dann schaute ich noch mal hin, und noch mal und noch mal. Anders als sonst, wenn ich nicht einreisen durfte, fehlte der dicke Stempel „Visum verweigert“. Mein Tagesvisum war frisch – wie unbenutzt. Was wäre, wenn ich an einem anderen Grenzübergang einreiste? Die Idee war gewagt und überraschte mich selbst. Das konnte gar nicht klappen. Ich war mir sicher, dass die Grenzübergänge miteinander verkabelt waren und längst an allen Grenzübergängen bekannt war, dass mir die Einreise verweigert worden war. Die Idee in meinem Kopf war aber nicht zu stoppen. „Versuch es!“ Ich fuhr zum nächsten Grenzübergang, zur Oberbaumbrücke, die Kreuzberg und Friedrichshain verbindet. Die lange Brücke über der Spree gehörte komplett zum Todesstreifen. So früh am Neujahrsmorgen war ich der einzige Einreisende an diesem Grenzübergang. Ich durfte mir nichts anmerken lassen, innerlich war ich starr vor Angst. Der Grenzbeamte schaute auf mein Visum und auf meinen Pass. Dann schaute er zu mir hoch. Jetzt platzt die Bombe. Er wird mich anbrüllen, was mir einfiele, ob ich ihn für dumm verkaufen wolle, und mich festnehmen. Der Mund des Grenzbeamten öffnete sich, und er sagte freundlich lächelnd: „Jetzt wünschen wir uns erst mal ein frohes neues Jahr.“ Stempel, Einreise genehmigt. Mein Mut wurde belohnt. Die Freundschaften schubste mich immer wieder über Grenzen und Tellerränder jenseits meiner Vorstellungskraft. Ich bin so dankbar, dass ich damals Ja gesagt habe. Ein einziger Moment gab den Ausschlag. „Kommst du uns besuchen?“ „Ja.“ Ohne zu wissen, was mich erwartet. Mein Ja beeinflusste viele Menschen. Unsere Ost-Berliner Freunde schöpften Hoffnung und Freude aus unseren Besuchen. Die West-Berliner überwanden ihre Vorurteile durch bunte Partys in der außen so grauen Stadt.

Die Mauer am Potsdamer Platz in West-Berlin 1986

Lassen Sie sich nie wieder Zeit und Mut stehlen von Menschen, die „geht nicht“ sagen. Lachen Sie darüber. Machen Sie einen charmanten Witz. Bringen Sie Ihre Kritiker zum Lachen. Möglicherweise stellen Sie später selbst fest, dass Ihre Idee nicht die Beste war. Aber geben Sie Ihre Idee nie auf, nur weil jemand „geht nicht“ sagt. Die Geschichte ist voller Ideen, die keiner für möglich gehalten hätte. Und dann hat es ein Mensch einfach gemacht. Was treibt sogar intelligente Menschen dazu, „geht nicht“ zu sagen? Ist es Bequemlichkeit oder Angst vor Veränderung? Oder konkrete Angst vor mehr Arbeit und davor, Privilegien, Ansehen, Einfluss und Jobs zu verlieren? Heißt „geht nicht“ eigentlich: „Der Status Quo ist für mich am besten, rührt ihn nicht an!“? Begründet wird die Absage dann pauschal mit „das geht nicht“ oder „wir haben es immer so gemacht“.

Alles geht anders. Es gibt gar kein Beispiel für permante Nicht-Veränderung. Bei der Veränderung spielen Zufälle und Chancen eine große Rolle. Ich hoffe, Sie haben noch mehr Spaß gewonnen, Kairos zu ergreifen, Ja zu sagen, Menschen zu treffen und die Welt verändernd zu gestalten. Schreiben Sie mir gerne Ihre Erfahrungen mit Kairos als Kommentar oder Nachricht.

Das A & O

Ideen brauchen beides. Chronos und Kairos. A & O. Erfolgreiche Innovation besteht immer aus dem explosiven Mix beider Pole: Gradlinige, kritische Disziplin, klare Entscheidungen und präzise Analyse. Plus unendlich weite, chaotische Vorstellungskraft, bunte Vielfalt, neugierig fragende Offenheit. Ohne O bleiben Ideen blutleere Langeweiler. Ohne A bleiben Ideen wirkungsloses Geschwafel. Ideen brauchen A und O. Offenheit und Klarheit. Spinnen und Kritik:

• A wie Analyse, Aufgabe, Auswahl, Struktur und Chronos auf der einen Seite,

• O wie Offenheit, Optionen, Überraschung, Chaos und Kairos auf der anderen Seite.

A & O sind zwei Seiten derselben Medaille. Es ist kein entweder oder. Es ist ein Miteinander. Eine wechselseitige Abhängigkeit und ein Zusammenspiel. Die Idee schaukelt hin und her zwischen A & O. Die A-Schritte analysieren und fokussieren. Die O-Schritte öffnen Potenziale, Chancen und Gelegenheiten.

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Ideen erleben und schmecken. 3 Tipps zur Umsetzung, Prototypen & Drehbuch

Gepostet am 21. Dezember 2017 in Blog, Ideen

Ideen erleben und schmecken. 3 Tipps zur Umsetzung, Prototypen & Drehbuch

Die meisten Ideen sind Schrott. Andere Ideen sind Sprungbretter zu nächsten Idee. Die wenigsten Ideen sind Diamanten. Auch nach 20 Jahren täglichem Ideenfitness-Training schmeiße ich die meisten meiner Ideen weg.

Aber ACHTUNG: Sie wissen NIE sofort, welche Ideen Diamanten und welche Schrott sind.

Oder sind Sie ein Hellseher?

Was sagen Sie zu einem Baby? „Oh, wie süß“ oder „Kann weg, hat kein Potenzial“? Niemand sieht einem Baby sofort die Talente an, die es in sich trägt. Mit Zeit, Fürsorge und Training werden sie entdeckt und entwickelt. Niemand würde beim ersten Kontakt die Potenziale eines Baby bewerten. Das ist ja auch absurd.

Genauso absurd ist die sofortige Bewertung von Ideen. Rohe Ideen sind wie Babys: Klein, nackt, schwach und wehrlos. Und doch sagen Menschen häufig: Das geht nicht! Und schon ist die Idee tot. Woher wissen diese Menschen, dass es nicht geht? Wurden alle Potenziale der Idee ausgeleuchtet und die zukünftigen Möglichkeiten vertieft? Sieht man einer Ideen sofort an, was in ihr steckt? Ist spontan klar, welchen Nutzen sie zukünftig stifften wird? Was sie verändert und verbessert?

Ich bin davon überzeugt, dass die Potenziale einer Idee nicht sofort offensichtlich sind. Dazu müsste man die Idee wertschätzen, durchdringen, in allen Details verstehen und ausprobieren. Ideen kommen nie perfekt aus dem Kopf. Erst in der Umsetzung und der Resonanz auf die Idee wird ihr Nutzen sichtbar. Ein Geisteblitz gibt die Richtung vor. Dann wird wochen- und häufig jahrelang verändert und verbessert, geschliffen und gefeilt. Netflix feiert dieses Jahr 20-jähriges Jubiläum. Sie kennen Netflix vermutlich erst seit zwei oder drei Jahren. Jedes erfolgreiche Unternehmen ist älter als wir denken. Ideen sind wie unscheinbare Kieselsteine. Wer kann ohne den perfekten Schliff ad hoc den zukünftigen Wert bestimmen?

Ideen brauchen die Chance, sich zu beweisen – im Ausprobieren. Mein Buch ROCK YOUR IDEA ist eine Liebeshymne für Mutige, Aufbrecher und Macher. Ideenfitness ist Träumen und Anpacken, Spinnen und Umsetzen. 2016 wurde ROCK YOUR IDEA prämiert mit dem Alternativen Wirtschaftsbuchpreis. Aktuell verschenken wir ROCK YOUR IDEA – Hardcover mit 120 Geschichten und 1.000 Fragen – Sie können es direkt hier bestellen. Humorvoll und unterhaltsam. Beim Lesen wird Ihre Kreativität sprudeln.

TIPP 1 zur Ideenrettung: Don’t criticize, improve

Behandeln Sie Ideen wie Babys! Mit Fürsorge, Wärme, Interesse und Training. Mit der Zeit erleben Sie, ob eine Idee Talente hat. Wie wird aus der Raupe ein Schmetterling? Erste Aufgabe: Treten Sie nicht drauf. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Wenn Ihnen Freunde oder Kollegen eine Idee erzählen, beißen Sie sich auf die Kritiker-Zunge. Im Kritisieren sind Menschen sehr schnell. Ein gezielter Schlag – und die Idee ist tot. Gehen Sie immer davon aus, dass Sie eine neue Idee noch nicht verstanden haben. Sie ist gerade erst geboren. Sie kennen das volle Potenzial der Idee noch nicht – wie beim neugeborenen Baby!

Ihre Aufgabe ist es, die Idee willkommen zu heißen. Eine Willkommenskultur für Ideen ist eine große Herausforderung. Bevor man die Idee nicht gewürdigt, verstanden und von allen Seiten betrachtet hat, ist der erste Eindruck oberflächlich. Nehmen Sie sich also Zeit. Waschen, wickeln, füttern! Lernen Sie die Idee kennen. Geben Sie ihr einen Namen. Schauen Sie ihr in die Augen, erkennen Sie das Wesen und suchen Sie gezielt nach Potenzial. Wenn niemand drauftritt, kann die Idee wachsen. Statt sich als Meister im Meckern zu profilieren, greifen Sie Ideen anderer Menschen konstruktiv auf und schenken Sie positives Feedback. Es geht um das Mitdenken, die Kernidee zu vertiefen und die Lösung besser zu machen. Spielen Sie mit der Idee. Üben Sie Wertschätzung.

Die Erste Hilfe der Ideenrettung heißt: Don’t criticize, improve. Gemeint ist damit: Mach‘ die Idee besser! Reicher! Runder! Nützlicher! Wirksamer! Verfeinere die Idee! Schleife! Feile! Veredle sie mit Wertschätzung! Alle Energie fließt produktiv ins Fragen, Vertiefen und Improven. Assoziationen, verschiedene Blickwinkel und auch konstruktive, lebensbejahende Kritik. Das alles hilft gegen voreilige, destruktive Kritik. Die Stärken der Idee stehen im Fokus und werden angereichert.

Die Idee wächst und wird schöner, stärker, selbstbewusster, wortgewandter und verständlicher.Wer erlebt hat, wie eine Idee aufblüht, besser, reifer, wacher, lebendiger, anschaulicher und spürbarer wird, der weiß, wie dieser magische Moment Euphorie auslöst. Menschen fangen Feuer. Draufzutreten verliert seinen Reiz. Die Idee bekommt Raum zum Atmen und zur Entfaltung des Potenzials. Entscheidend ist der Start. Was machen Sie? Draufhauen, kleinreden und töten? Oder willkommen heißen, verwöhnen und Leben einhauchen? Greifen Sie den ersten Geistesblitz auf? Beatmen, stärken, ergänzen, verbessern und veredeln Sie die Idee? Nachdem eine Idee gereift ist, tiefer gebohrt und breiter verstanden wurde, wird sie im Anschluss selbstverständlich gemessen, gewogen, kritisiert und häufig wieder verworfen. Aber nicht bevor das Potenzial erlebt wurde.

TIPP 2 zur Ideenrettung: SICHTBAR & ERLEBBAR

Wir können nur wahrnehmen, was unsere Sinne wahrnehmen. Wir schmecken, was wir essen und trinken. Wenn wir nass werden oder die Tropfen trommeln hören, regnet es. Wir Menschen sind Sinneswesen. Was wir nicht wahrnehmen, bleibt versteckt und unsichtbar. Schlimmer noch: Das gibt es für uns nicht. Das gilt für alles. Produkte, Probleme, Arbeitsplätze, Vereine und Ideen.

Reisen und Musik-Festivals boomen. Dabei werden alle Sinne bedient. Fotos auf Sozialen Medien lassen uns teilhaben an Events weltweit. Youtube ist die zweitgrößte Suchmaschine. Wir leben in einer Erlebnisökonomie. Ideen konkurrieren mit Millionen anderen Ideen. Der Straßenkünstler Banksy sagte: „You have eight seconds.“ Länger schauen Menschen Kunstwerke nicht an. Mehr Zeit geben sie auch keinem Plakat, keiner Aktion, keinem neuen Produkt und keiner Stellenanzeige. In wenigen Sekunden ist die Aufmerksamkeit eines Menschen gewonnen oder verloren. Auch Ideen haben nur wenige Sekunden, um zu überzeugen. Dabei dringen Ideen in bereits bewohnte Räume ein. Wenn sich neue Ideen durchsetzen, verdrängen sie alte Ideen. Um so kraftvoller muss eine Idee auftreten.

Den echten Wert von Ideen kann nur die Realität zeigen. Bilder, Namen, Gerichte und Produkte lassen sich einfach testen. Zeigen Sie Ihr neues Logo, Ihr Werbeplakat, Ihre Stellenanzeige, Ihren Projektnamen, Ihr Design zehn Freunden und zehn Fremden. Gehen Sie dazu einfach auf die Straße. Sie wissen sofort, ob Ihre Botschaft verstanden wird. Dabei geht es nie um richtig oder falsch. Es geht um die Wirkung bei anderen Menschen. Welche Wirkung erzielt ein Bild, ein Name, eine Botschaft in Ihrer Zielgruppe? Passt die erlebte Wirkung zu dem, was Sie sich vorgestellen? Löst die Idee Assoziationen und Reaktionen aus, die Sie erwarten oder ganz andere? Schreiben Sie vorher auf, welche Wirkung Sie erzielen wollen. Vergleichen Sie Ihre Stichworte mit den Antworten der Tester. Wenn Sie Ideen testen, verraten Sie auf keinen Fall Ihre eigene Meinung. Hören Sie zu!

Prototypen sind verkörperte Fragen: Willst du mich? Wie wirke ich? Wie schmecke ich? Abstrakte Ideen können sich Menschen hingegen nicht vorstellen. Bauen Sie erlebbare Modelle. Mit einfachen Mitteln wird die Idee zum Leben erweckt. Sie verlasen Ihren Kopf und gehen zum Kunden. Vom Schreibtisch ins Tun. Dinge zum Anfassen und Ausprobieren überzeugen viel eher als trockene Konzepte. Mit vorhandenen Mitteln wird ein Aspekt der Idee ausprobiert, um schnell Erfahrungen zu sammeln. Für ein neues Souvenir von der Berliner Mauer haben wir den ersten Prototyp aus Gips gegossen. Touristen am Brandenburger Tor waren begeistert: „Toll! Kann man das kaufen?“ Beim Anfassen und Anheben kam der Ausruf: „Oh! Ist das schwer!“ Wir wussten: Die Idee weckt Interesse, aber das Material muss leichter sein. Mit einem leichtere Prototyp aus Holz testeten wir fünf verschiedene Größen. Erkenntnis: Zwei der fünf Größen wurden bevorzugt. Schlüsselanhänger und eine Art Buchstütze. Der dritte Prototyp war aus Kunststoff und wurde in Kautschuk gegossen, noch nicht im teuren Spritzguss. Mit dieser Mini-Serie konnten wir Kunden gewinnen und den Zwischenhandel informieren, bevor wir in die teuren Werkzeuge investierten. Wir haben mit der Idee laufen gelernt. Einfach testen und weiterentwickeln. Zu häufig wird mit einer Idee sofort die Umsetzung gestartet, ohne Laufen gelernt zu haben. Häufig ist die Idee gar nicht schlecht, aber ihr fehlt die nötige Reife. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Ein Modell bietet Eindrücke, die Worte nicht vermitteln können.

„Die Entwicklung effektiver Prototypen ist vielleicht die wertvollste Kernkompetenz einer innovativen Organisation“, sagt Michael Schrage, Research Fellow am MIT Center for Digital Business. Alles kann getestet werden. Souvenirs, Materialien, Fitness-Geräte, Suppen, Musik, Plakate, Einladungen, Manuskripte, einfach alles. Wie kommt die Idee an? Jeder Testlauf löst Eindrücke und Assoziationen aus, die weiter führen. Häufig ist die Reaktion anders als erwartet. Mit Bildern und Prototypen wird greifbar, was in Ihrer Idee steckt, und sichtbar, wie andere darauf reagieren. Mit schnellen, konkreten Testläufen lernen Sie am meisten über Ihre Idee.

Innovation ist die hohe Kunst der Vermittlung. Von Ihrem Kopf in die Köpfe von Kollegen, Partnern, Vorgesetzten, Kunden. Ein Prototyp kann andere für die Idee gewinnen. Der erste Schritt ruft eine Reaktion hervor. Wie ein Bumerang kommt immer etwas zurück. Die Feedbacks aus der Realität sind die Nahrung für die Weiterentwicklung. Ungetestete, fehlerhafte Materialien kosten im schlimmsten Fall vielen Menschen ihr Leben wie bei dem ICE-Unfall 1998 in Eschede. Sowohl 1986 nach dem Absturz der Raumfähre Challenger als auch 2003 nach dem Absturz der Raumfähre Columbia wurde Kritik an der NASA laut, dass Tests nicht durchgeführt worden waren, um Kosten einzusparen. Prototypen machen Fehler sichtbar, bevor Produkte in Serie hergestellt werden. Sie vermeiden Schäden und hohe Folgekosten. Auch Dienstleistungen werden getestet. Für ein Suppe-to-go-Restaurant mieten Sie nicht zuerst den Laden, sondern kochen eine leckere Suppe und laden Nachbarn dazu ein. Wenn die Gäste Ihre Suppe außergewöhnlich lecker finden, dann ist die wichtigste Zutat zum Suppe-to-Go-Konzept erfüllt. Filmen Sie Ihre Testläufe. Zeigen Sie Partnern, dass den Kunden die Suppe schmeckt. Zeigen Sie Vertriebspartnern, wie Ihnen das neue Souvenir aus den Händen gerissen wird. Machen Sie Ideen unwiderstehlich in Geschmack und Erfahrung. Wenn Sie Ideen präsentieren, sollte das Wasser im Munde zusammenlaufen. Lösen Pilotprojekte und Prototypen Funken der Begeisterung aus? Oder ist die Idee doch kein Diamanten, sondern Stein und Geröll. Mit schnellen Tests sparen Sie viel Geld und wissen, ob die Idee hält, was sie verspricht. Krasse Flops werden beerdigt. Fantastische Senkrechtstarter bauen Sie weiter aus.

Die Vermittlung des Neuen mit Worten ist ein großer Ideenfriedhof. Worte sind immer unbeholfen. Worte können Ideen nur teilweise oder falsch vermitteln. Worte verwirren oft mehr als dass sie helfen. Mit Worten fehlt das plastische Erleben der Idee, die Idee wird nicht sofort begriffen. Sobald es etwas zum Sehen und Anzufassen gibt, reagieren Menschen positiv auf Ideen. Es bedarf viel Kommunikation, um das Team, Vorgesetzte, Kooperationspartner und schließlich Kunden für die Idee zu gewinnen. Testen Sie schnell. Jedes Feedback bringt Sie weiter. Im Sommer waren meine Frau und ich im Forrest Point, einer Bar in Brooklyn. Dort tranken wir extrem leckere Cocktails. Der Chef der Bar mixt alle neuen Rezepte selbst. Alle Cocktails sind eine neue Geschmacksidee. Er mixt viel, probiert viel, testet den Geschmack, verwirft, probiert noch mal. Und noch mal. So testet er Tausende Cocktails, und seine Gäste bekommen die Besten serviert.

Tipp 3 zur Ideenrettung: Ein DREHBUCH für alle

Sie haben Ihre Diamanten getestet, manche verworfen und andere ausgewählt. Nun folgt der Feinschliff. Schreiben Sie ein Drehbuch zur Umsetzung der Idee. Wie einen Film. Stellen Sie sich einen Blockbuster zu Ihrer Idee vor. Was sieht man? Was passiert? Wie wirkt sie in der Zielgruppe? Ist sie gesellig oder verschlossen? Attraktiv oder ein Mauerblümchen? Schreiben Sie EIN Drehbuch für alle Beteiligte. Jede Innovation ist einmalig. So ist auch jeder Film ein Projekt mit einmaliger Besetzung, Schauspielern, Regie, Produktion, Ausstattung, Baubühne, Kamera, Ton. Die Menschen kennen sich zum Teil gut und zum Teil haben sie sich noch nie vorher gesehen. Damit die Zusammenarbeit dennoch klappt, gibt es beim Film EIN Drehbuch für alle Beteiligten. Eins für alle.

Das Drehbuch beschreibt Hunderte einzelne Szenen. Was sieht man? Was hört man? Was passiert?Anhand des Drehbuchs wissen alle Beteiligten, was getan werden muss und wer wann dran kommt. Entscheidend für die reibungslose Zusammenarbeit ist diese gemeinsame Basis, auf der alle Beteiligten arbeiten, vom Kabelträger über den Regisseur bis zum Schauspieler. Mit einem Drehbuch kann jeder die richtigen Dinge zum passenden Zeitpunkt tun. Alle haben dieselben Informationen über Inhalte, Dialoge, Handlungen, Beleuchtung, Ton. Auch in der Architektur gibt eine Zeichnung für alle Beteiligten. Und mit einer Partitur können Musiker alle einzelnen Stimmen nachvollziehen. Legen Sie sich fest. Schreiben Sie ein Drehbuch für die Umsetzung Ihrer Idee.

Ein Beispiel: Drehbuch zum Umbau eines Jugendzentrums. Was sieht man? Was hört man? Was passiert? Ganz konkret. Erste Szene. Man sieht 60 Schüler. Was hört man? „Zieht euch bitte die Schuhe aus!“ und „Wo können wir die Schuhe hinstellen?“ Nein. Doch nicht. Die erste Szene wird wieder zerrissen. Die konkrete Vorstellung, dass 120 Schuhe im Eingang rumstehen, zeigt: Die Idee ist Schrott. Fünf Jahre lang hatte sich dieser Mitarbeiter gewünscht, dass der Neubau so sauber bleibt. Die Konsequenz hatte er sich nie überlegt. Mit dem Bild der 120 Schuhe vor Augen stimmt er selbst gegen das Ausziehen. Aufschreiben und Festlegen zwingt zur Entscheidung. Was kommt ins Drehbuch? Was nicht? Schritt für Schritt gehen wir durch die Räume. Es wird gesponnen und gelacht. Immer merken die Ideengeber selbst, wenn die Beschreibung einer Szene den Rahmen sprengt. Wer die Konsequenzen seiner Idee ausspricht, der realisiert selbst, was passt und was nicht passt. Das Drehbuch zeigt die Konsequenzen hinsichtlich Zeit, Raum und Ausstattung. Mit dem fertigen Drehbuch begann die Umsetzung. Bei der Neueröffnung erkannten wir alle Details aus dem Drehbuch wieder. Das Drehbuch hilft, Neues konkret zu sehen und sich festzulegen. Projekte, Events, Gespräche, Präsentationen. Was sieht man? Was hört man? Was passiert?

Ohne das Drehbuch haben zwei Menschen die zweifache Menge an Bildern im Kopf. Zwanzig Personen bringen die zwanzigfache Menge mit. Schreiben Sie EIN Drehbuch. Sie bringen wilde Ideen konkret auf den Punkt. Während alle Bestandteile einer Idee im Kopf zusammenpassen, sieht die Realität meistens anders aus. Wenn Sie sich bei einem Aspekt nicht sicher sind, holen Sie Rat bei Experten. Ein 200seitiges Konzept klingt wie ein Drehbuch, kann aber komplett falsch sein, wenn man nie mit Kunden gesprochen hat. Nicht raten, FRAGEN. Geht es zum Beispiel um Holz aus dem Wald und Holzmöbel, sprechen Sie mit Förstern und Tischlern. Ein einziges Gespräch kann zeigen, dass alle Annahmen zum Markt falsch sind. Der Realitätscheck zeigt häufig, dass eine Idee auf falschen Annahmen fusst. Sie hält nicht, was sie verspricht. Häufig wird zu viel gedacht, zu wenig ausprobiert und nichts gefragt. Dann werden Scheinlösungen gefunden, die nichts lösen. Gereinigt von falschen Annahmen schreibt man ein neues Drehbuch.

Die Realität ist hart: Keiner wartet auf Ideen. Wir sind im Leben komplett eingerichtet. Das System funktioniert – mal besser, mal schlechter. 24 Stunden sind täglich randvoll ausgefüllt. Platz für Neues ist nicht vorgesehen. Neues ist immer der Kampf gegen Altes. Gegen Gewohntes. Gegen Vertrautes. Wird der Mehrwert des Neuen nicht verstanden, sagen Menschen: „Geht nicht“.

Lassen Sie Menschen den Nutzen Ihrer Idee erleben. Es muss schmecken und sichtbar werden.

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RisikoAppetit, DurchhalteVermögen und MutVersicherung. Wollen Sie Wandel? Wer bremst Sie aus? Beton heilt sich selbst

Gepostet am 21. Dezember 2017 in 44Fragen, Blog, Ideen

RisikoAppetit, DurchhalteVermögen und MutVersicherung. Wollen Sie Wandel? Wer bremst Sie aus? Beton heilt sich selbst

Immer lauter wird der Ruf nach digitalem Wandel. Können wir Wandel? Wollen wir Wandel? Wer will Wandel wirklich? Haben wir uns nicht prima eingenistet? Wer hat den größten Risikoappetit? Wer hat einen grenzenlosen Knall? Wer geht ‚all in‘ wie beim Pokern? Sind wir dazu bereit? „Europa fehlt die Risikokultur für einen Tech-Boom. In Europa fehlt es eindeutig […] an Risikoappetit.“, meint Patrick Healy, Europa-Chef der Investmentgesellschaft Hellman & Friedman. Wächst unser Risikoappetit? Oder wünschen wir uns Wandel ohne Risiko?

Risikofrei bekommen Sie mein Buch ROCK YOUR IDEA geschenkt. Eine Liebeshymne auf Ideen für mutige Aufbrecher – prämiert mit dem Alternativen Wirtschaftsbuchpreis 2016. Ideenfitness ist Träumen und Anpacken, Spinnen und Umsetzen. Aktuell verschenken wir ROCK YOUR IDEA – Hardcover mit 120 Geschichten und 1.000 Fragen – Sie können es direkt hier bestellen. Humorvoll und unterhaltsam. Bereits beim Lesen sprudelt Ihre Kreativität.

Die Mut-Versicherung

Kann der Mut eines Menschen im Vorfeld neuer Ideen gemessen werden? Lässt sich der Mut-Quotient errechnen? Zum Beispiel Aufgabe durch Menge der Erfahrungen hoch Klima mal Jahreszeit? Sieht ein Arzt den Mut im Blutbild? Könnte ich vor der Mutprobe einen Schnelltest machen? Der Mut-Test stellt fest: Ihr Mutwert liegt bei x, das reicht, um Wahrheit y zu sagen. Oder: Der Mutwert reicht, um ein Unternehmen mit 20 Mitarbeitern zu gründen. Oder: Starten Sie die Revolution, einen so hohen Mutwert hatte noch niemand. Wäre der Mutwert messbar, könnten die Folgen aus mutigem Handeln professionell versichert werden. Eine geniale Geschäftsidee! Endlich könnten Menschen Dinge tun, für die der Mut-Test den passenden Mutwert nachweist! Sollte es schief gehen, zahlt die Versicherung den Schaden. Extremsportler und Innovationsmanager werden ihren Bewerbungen zukünftig Mut-Zertifikate beilegen. Zu klären wäre noch, ob der Mutwert international vergleichbar und massenkompatibel ist oder auf Dauer nur für Außenseiter und Spinner bleibt. Sind die persönlichen, politischen und gesellschaftlichen Umstände viel zu unterschiedlich für einen weltweit vergleichbaren Standard beim Mutwert? Wer ist der mutigste Mensch, den Sie kennen? Was zeichnet diese Person aus? Sind Sie auch mutig?

Mut ist extrem situationsabhängig. Mut lässt sich im konkreten Tun beobachten. Der Investor Ben Horowitz sucht in Startups neben der Durchbruchsinnovation den Mut der Gründer. Treffen sie unbequeme Entscheidungen – auch wenn es peinlich ist und sie sich damit bloß stellen? Der Gründer Christian Georgi überzeugte Ben Horowitz von seinem persönlichen Mut, als er ihm von seiner Flucht aus Rumänien erzählte. Christian Georgi riskierte 1989 alles, als er durch die Donau schwamm, um der Diktatur zu entkommen und in Freiheit zu leben. Dieser Mut, sein eigenes Leben zu riskieren, um die Freiheit zu gewinnen, sagte Ben alles über Christian. Er war mutig, unbequeme Entscheidungen zu treffen und entsprechend zu handeln. Das hatte er in einer konkreten, lebensgefährlichen Situation bewiesen. Dieser Mut ist in keinem Test theoretisch vorauszusagen.

Wie mutig sind Sie auf einer Skala von 1 bis 10? Das funktioniert nicht. Kein Mensch kann wissen, wie lange der eigene Mut ausreicht. Mut ist trainierbar, aber nicht planbar, denn jede Situation ist anders. Wir können im Voraus nicht wissen, ob wir einschreiten oder weglaufen, wenn vor unseren Augen Menschen verprügelt werden. Denken wir an die Menschen oder an mögliche Folgen für uns selbst? Beides ist legitim. Weiß man es vorher? Martin Niemöller, Pfarrer der Bekennenden Kirche, die Hitler gegenüber kritisch war, wurde 1937 verhaftet. Er überlebte und wurde nach dem Krieg gefragt, warum er ab 1933 mutig gegen Verhaftungen anderer protestiert hätte. Selbstkritisch sagte er: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ Es braucht Mut und eigene Betroffenheit, um anders zu handeln als gewöhnlich. Christian Georgi wollte in Freiheit leben. Das motivierte ihn dazu, durch die Donau zu schwimmen.

Der Film Westwind zeigt die Flucht einer jungen DDR-Sportlerin in den Westen. Im Trainingslager in Ungarn verliebt sie sich in einen Mann aus Hamburg, der sie im Kofferraum über die Grenze von Ungarn nach Österreich schmuggelt. Beide sind so verliebt, dass ihr Mut alle Angst überwindet. Sie waren mutiger, als sie selbst für möglich gehalten hätten. Die Liebe veränderte alles und verlieh Flügel. Die Zwillingsschwester der Geflüchteten war auch in Ungarn, aber sie war nicht verliebt. Sie traute sich nicht zu fliehen. Sie wollte ihre Familie nicht verlassen und war im Sport erfolgreich. Warum hätte sie sich auf die Unsicherheit des Neuen einlassen sollen? Das Bekannte zu verlassen, braucht immer außergewöhnliche Kraft. Unbekanntes bringt immer Unsicherheit mit sich. Es kann besser oder schlechter werden. Vorher weiß man es nicht, und eine Mutwert-Versicherung springt natürlich nicht ein, wenn Schaden entsteht. Den Schaden zahlt man selbst.

alte Zöpfe in Ritterburgen

Manager bewachen die bestehenden Systeme und verteidigen ihre Privilegien so wie früher die Ritter ihre Burgen. Jeder würde das tun. Das ist kein Vorwurf, das ist menschlich. Wem es gut geht, der scheut Risiko. Niemand weiß vorher, ob es nach dem Risiko besser wird. „Organisationen haben heute mehr Manager als je zuvor. Das kostet rund 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, Deutschland um die 800 Milliarden.“ so Management-Berater Gary Hamel in Brandeins 12/2017. Er ruft zum Kampf gegen Bürokratie in Unternehmen auf. Etwas zu managen führt nie zu neuen Ideen.

Doch es wird so lange wie möglich der aktuelle Erfolg gemanagt, denn bisher Privilegierte könnten durch neue Ideen zu Verlierern werden. Marktmacht, Ansehen, Aufträge, Vorteile, Posten – alles bedroht durch Risiko. Das führt selbstverständlich zu Widerständen. Als Barthelemy Thimonnier 1830 die erste Nähmaschine erfand, wollten ihn die Schneider umbringen. Innovation findet nicht im luftleeren Raum statt. Irgendwer ist schon da und etabliert. Wer viel zu verlieren hat, schaut nicht tatenlos zu, wenn Innovation und Risiko kommen. „Europa ist ein Kap des Status quo. Das kleine Kap der eurasischen Landmasse glaubt noch an Privilegien, die längst überholt sind“, kommentiert Michael Stürmer. Wer viel zu verlieren hat, riskiert nichts, das den Status Quo angreift. Warum auch? Wer wäre so dumm, seine Privilegien freiwillig aufzugeben? Es geht uns gut, und so soll es auch bleiben. Jede Innovation schneidet alte Zöpfe ab. Der preußische Soldatenzopf galt nach der französischen Revolution als Symbol für Rückständigkeit. Welche Zöpfe würden Sie heute abschneiden? Fast jeder, der fortschrittlich war, wird im Laufe der Geschichte rückständig.

Selbstheilender Beton

Bei jeder Neuerung werden bisher Privilegierte zu Verlierern und steigen in die zweite oder dritte Liga ab. So wie die adligen Kanalbesitzer, die durch die Eisenbahnstrecke von Liverpool nach Manchester ihr Transportmonopol verloren haben. Als Stephenson 1825 die erste Eisenbahn in England von Liverpool nach Manchester bauen wollte, wurde sie noch vom Parlament abgelehnt. Erst ein Wettbewerb für Lokomotiven aus ganz Europa brachte die Wende. Die Gewinner-Lok von Stephensons Sohn besaß 25 Röhren für den Dampf. Bisher war nur ein Rohr üblich. Der Dampf trieb die Lokomotiven so langsam an, dass sie keine Bremsen hatten. Jetzt überraschte Stephenson mit Geschwindigkeit und gewann den Wettbewerb. Die Eisenbahn nach Manchester wurde gebaut. Das Monopol der adligen Kanalbesitzer verlor an Bedeutung. Sie waren die Verlierer der Geschichte. Die Bahn schnitt ihre alten Zöpfe ab. Doch diese kleine Clique von Privilegierten hatte den Bau der Eisenbahn um ein Jahrzehnt verzögert. Kennen Sie die Top 10 der möglichen Innovationsverlierer in Ihrer Branche? Beton, der sich selbst heilt. Welche Vision: Keine Staus mehr durch monate- und jahrelange Sanierungen. Und ein Kunststoff, der zehnmal stärker als Stahl ist.

Credit: Melanie Gonick/MIT
10 mal stärker als Stahl, Credit: Melanie Gonick/MIT

Ahnen Sie, wer hier um seine Privilegen bangt? Greifen Sie mit Ideen nicht frontal an. Der öffentliche Sieg der Eisenbahn in Liverpool zeigte den Mehrwert der Eisenbahn. Ideen brauchen die Chance, sich zu beweisen – im Ausprobieren. Lassen Sie Menschen Ihre Idee eleben, schmecken und fühlen. Bauen Sie sich eine Gruppe begeisterter Nutzer und ein Ökosystem von Partnern auf. Diese tragen Ihre Idee weiter. Wenn ein Pfeiler im System der Innovationsverlierer bröckelt, kann schnell die ganze Statik einbrechen. Aber freiwillig räumt keiner das Feld. Privilegien wird es immer geben. Wer sie genießt, wird sie verteidigen.

Verblassende Privilegien werden für Europa ein wachsendes Problem. Da wir die Auswirkungen noch nicht spüren, genießen wir den größten Wohlstand, den Europa je erlebt hat. Dieser Erfolg, von dem die meisten Europäer gut leben, ist auch ein Grund, Risiko zu vermeiden und privaten Wohlstand zu genießen. Betagte Organisationen müssen Neues verhindern zur Selbstverteidigung. Mit dem Alter sinkt die Risikobereitschaft. Deutsche Unternehmer altern im Schnitt schneller als die Bevölkerung, sie riskieren und investieren weniger. Die Angebote, Maschinen, Methoden und Produktionsstätten veralten. Darum können sich die Nachfolger kümmern. Unternehmer haben jahrzehntelang Mut bewiesen, ihr privates Kapital riskiert und Arbeitsplätze geschaffen. Sie waren der Motor des Wirtschaftswunders. Im Alter geht die private Altersvorsorge vor. Oder würden Sie auf den letzten Metern Ihre Altersvorsorge aufs Spiel setzen? Wo kommt Innovation her, wenn die Motoren altern? Gesellschaftlich führt eine sinkende Risikobereitschaft zu weniger Investitionen, weniger Innovationen und sinkender Wettbewerbsfähigkeit.

Angriff

Zurück zu Ihnen. Ihr Mutwert ist hoch, und Sie stürzen sich in die Markteinführung. Wer in einen bereits besetzten Markt eindringt, wird mit seiner Idee auf Granit beißen, denn die Platzhirsche haben Nachteile zu befürchten. Wer hätte durch Ihre Idee einen persönlichen und wirtschaftlichen Nachteil? Wer könnte sich durch Ihre Innovation angegriffen fühlen? Diese Personen werden alles tun, um eine Veränderung zu verhindern. Es ist völlig klar, dass Taxi-Innungen gegen Uber klagen. Da könnte ja jeder kommen und Gäste im privaten Auto fahren. Wo kämen wir da hin? Die Taxi-Innung klammert sich an alte Privilegien. Sie mag nach deutschem Recht sogar Recht bekommen. Doch zukunftsfähig ist das nicht. In den USA sprechen Freunde bereits wie selbstverständlich vom „ubering“. Das heißt nicht, dass Uber besser ist als Taxis. Uber spart Zeit, so Gary Vaynerchuck. Den Nagel auf den Kopf trifft Jakob Bauers Kommentar zum Geschäftsmodell von Airbnb: „Ich bin 80 % meiner Arbeitszeit auf Reisen in aller Welt. Hotels hängen mir zum Halse heraus […] Seit einem Jahr nutze ich Airbnb, der Abwechslung wegen. Mit Gastfreundschaft hat das nichts zu tun. Mit Geld sparen wenig. Meine Erfahrungen sind zu 95 % positiv und von mir aus kann das gute alte Hotel aussterben. Sympathisch finde ich airbnb nicht. Es ist ein Business-Modell wie jedes andere und die Hotelbranche ist an dieser Entwicklung selbst schuld.“ Hotels sind ein Geschäftsmodell. Airbnb ist ein Geschäftsmodell. Taxis sind ein Geschäftsmodell. Uber ist ein Geschäftsmodell. Am Ende entscheiden die Nutzer, welchen Service sie bezahlen. Wie lange hält das Bollwerk stand? Wann wird die Burg erobert? Könnte man progressiv in den Wettstreit um die besten Ideen einsteigen?

15 Milliarden Straßenbahn-Passagiere in L.A.

Kürzlich sorgte ein Video aus Los Angeles für Aufsehen. Aus einem Hubschrauber wurde der kilometerlange Stau gefilmt. In den 20er Jahren verfügte Los Angeles über das größte und beste Straßenbahnnetz der Welt. Das gesamte Stadtgebiet war durch öffentliche Verkehrsmitteln erschlossen. 15 Milliarden Passagiere. 90 Prozent aller Wege wurde mit Straßenbahnen gefahren. Der größte von 1.200 Tram-Anbietern hieß Red Car. Warum gibt es heute keine Tram mehr in L.A.? Wurde Red Car ein Opfer des Erfolgs? Wurden die Wagen trotz Milliardengewinnen nicht gepflegt bis sie ausgemustert wurden? Eine mögliche Erklärung. Auffällig ist, dass mehrere Unternehmen aus der Automobil- und Ölbranche über 100 Straßenbahn-Betriebe in 45 amerikanischen Städten aufkauften und von 1930 bis 1950 komplett abbauten. Die Tramtrassen eigneten sich hervorragend für Autobahnen. Erkennen Sie bei General Motors, Standard Oil of California, Phillips Petroleum, Firestone, Mack Trucks und der Federal Engineering Corporation ein gemeinsames Interesse? Sie verkauften mehr Autos, wenn keine Tram fuhr. Das Konsortium kaufte auch Stromerzeuger, und „steigende Energiepreise erodierten die Gewinnmargen der Straßenbahngesellschaften. […] Und wenn nicht die roten Zahlen die Betreiber überzeugten, halfen luxuriöse Geschenke wie Cadillac-Limousinen nach.“ Der Verkauf von Autos wurde angekurbelt und Arbeitsplätze geschaffen. Die Gewinne wurden quasi umgeleitet von den Tram-Anbietern zur Automobilindustrie. Eine geniale Idee aus Sicht der Automobilhersteller.

Freundschaftsdienst im Dienst

In Berlin wächst der Anteil von Fahrradfahrern schneller als der von Autofahrern. Aber nicht die Fahrrad-Lobby trifft regelmäßig die Kanzlerin, sondern Matthias Wissmann, der von 1993 bis 1998 Bundesminister für Verkehr war und seit 2007 der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie ist. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Wissmann ist Experte für Verkehr, sein Rat wird in der Regierung gebraucht. Auch Sie fragen Ihre Freunde, wenn Sie guten Rat brauchen. Warum sollten Politiker nicht Freunde fragen, wenn sie Expertenwissen brauchen? Da weiß man, was man hat. Wer seinen Freundeskreis aufgebaut hat, bleibt in dieser Gruppe. Soweit so gut – wenn nicht früher oder später eine Hand die andere waschen müsste. Zu blöd. Ein schmaler Grat. Haben Sie schon mal bewusst auf den Rat eines Freundes verzichtet, weil es einen Interessenskonflikt gab? Haben Sie noch nie einen Freundschaftsdienst im Dienst getan? Fast jeder kommt mal in Grauzonen. Aber wo ist die Grenze? Wenn Parteifreunde lukrative Aufträge aus der Politik bekommen. War er der Beste? Gab es andere? Oder war ihm jemand noch einen Gefallen schuldig? Auf Freunde kann man sich verlassen. Das hat sich bewährt. In Netzwerken, Old Boys‘ Clubs und Vetternwirtschaft kennt man sich. Freundschaft und Nachbarschaftshilfe sind wichtige Werte. Wo ist die Grenze?

Organisationen hacken

Ob Politik, Unternehmen oder karitative Organisationen, alle verbindet die Wahrung der eigenen Interessen. Die Entscheider an den Schalthebeln haben sich bewährt und hochgearbeitet. Logisch, dass jeder sofort in Verteidigungshaltung gegen Neues geht. Hand aufs Herz: Lassen Sie sich gerne hinterfragen? Wie reagieren Sie auf Kritik? Wägen Sie in Ruhe ab oder kontern Sie sofort? Daran scheitert Innovation: Niemand lässt sich gerne hinterfragen. Abwehr gegen Angriff ist zutiefst menschlich. Innovatoren werden wie Fremdkörper abgestoßen. „In den meisten Großunternehmen muss sich jemand, dem ein radikal neues Geschäftsmodell vorschwebt, an die Verteidiger des alten Geschäftsmodells wenden, um Mittel zu erhalten. Folglich hat allzu häufig derjenige das Vetorecht über die neue Sache, der die alte Sache lenkt“, schreibt Management-Berater Gary Hamel 2001 in „Das revolutionäre Unternehmen“.

Keiner weiß, was nach Uber, Snapchat oder Pinterest kommt. Innovation ist ein Spiel mit vielen Einsätzen: Die Wahrscheinlichkeit, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das die Dinge auf den Kopf stellt, hängt einzig und allein davon ab, wie viele strategische Optionen ich am Anfang schaffe… Man muss das bestehende Management-System hacken, also Experimente beginnen, um Firmen voranzubringen. Mehrere Tausend Mitarbeiter konnten über einen Zeitraum von zehn Wochen lernen, wie Unternehmer zu denken. Daraus entstanden rund 7000 Ideen aus allen Teilen der Organisation.“ so Management-Berater Gary Hamel in Brandeins 12/2017. Hacken Sie Ihre Organisation? Haben Sie großen Risikoappetit? Haben Sie Lust, neue Mehrwerte zu schaffen? Denken Sie GROSS? Machen sie GROSSES? Sind Sie selbst erschrocken von der GRÖSSE Ihrer Idee?

Bereit zum Misserfolg?

Innovation ist Glatteis. Die meisten Ideen sterben. Die meisten Unternehmsgründungen halten nicht, was die Gründer sich wünschen. Das ist Teil des Risikoappetits. Risiko bleibt Risiko. Es gibt keine Abkürzung ohne Risiko. Herbert Grönemeyers Karriere startete mit vier erfolglosen Alben. Und zwar so richtig fett erfolglos. Die Intercord Ton GmbH kündigte den Vertrag. Hätten Sie weiter gemacht? Grönemeyer ging weiter aufrecht und blieb dabei, Musik zu machen. Mit dem fünften Album Bochum kam der Erfolg. Und dann der Megaerfolg. Grönemeyers sechstes Album Ö hielt 22 Jahre lang den Rekord als erfolgreichstes deutsches Album mit 14 Wochen auf Platz 1 der Album-Charts. Grönemeyer ging jahrelang ins Risiko und gab nicht auf. Vor jedem Erfolg steht nicht nur die Bereitschaft zu scheitern, sondern tatsächlich das Scheitern. Hätten Sie die Kraft und den Mut zum fünften Album gehabt? Das fünfte Album war voller Hits wie „Männer“, „Bochum“, „Alkohol“ und „Flugzeuge im Bauch“. Hätte Grönemeyer solche Songs schreiben können ohne den langen Anlauf? Sind Sie bereit zu fünf Anläufen? Wie weit geht Ihr Risikoappetit? Drei, vier oder fünf Starts? Schätzen Sie Ihren Risikoappetit realistisch ein, damit Sie der Mut nicht mitten im Ideenfluss verlässt. Das erste Auto von Henry Ford lief erst nach sechzehn Jahren vom Band.

Neuer Risikoappetit in der Werbung. Das Video „Supergeil feat. Friedrich Liechtenstein“ brachte EDEKA auf youtube über 18 Millionen Klicks. EDEKA macht Spaß. Der Chef der Werbeagentur Jung von Matt, Peter Figge erzählt über die Entstehung des außergewöhnlichen Videos: „Natürlich hat es anfangs auch Leute gegeben, die Friedrich Liechtenstein zu hässlich fanden. Und dann dieser Bauch in der Badewanne. […] Aber ohne den Mut, ein Risiko einzugehen, kriegt man keine hohe Rendite“. 2015 folgte eine grandiose Steigerung. In nur zehn Tagen bekam #heimkommen über 40 Millionen Klicks – inzwischen über 58 Millionen Klicks. EDEKA gewinnt damit den Webvideopreis Deutschland 2016 in der Kategorie „Commercial“. Weltweit wurde über EDEKA und #heimkommen berichtet. #heimkommen kopiert Supergeil nicht, denn eine neue Idee überrascht nur ein Mal. Der Redakteur Santiago Campillo-Lundbeck lobt Edeka auf: „Es ist der mutigste Werbefilm, den man im deutschen Lebensmittelhandel je gesehen hat. Viele haben dieses Jahr ihre Kunden mit prächtigen Bildern und emotionalen Geschichten zum gemeinsamen Schlemmen und Feiern motivieren wollen, doch nur Edeka traute sich, die Themen Tod und Einsamkeit unter dem Weihnachtsbaum zu platzieren.“ Risikoappetit ist keine Garantie, aber eine zwingende Voraussetzung dafür, dass die Idee rockt. Wenn eine Idee herausstechen soll, geht es nicht ohne Risiko. Sind Sie bereit zum Misserfolg? Erst dann sind Sie bereit zum großen Erfolg!

Großer Erfolg

Der deutsche Film Victoria wurde in einem einzigen Take gedreht. Undenkbar bis dahin. One Take. Gefilmt wurde am 27. April 2014 zwischen 4.30 Uhr und 7 Uhr in der Friedrichstraße in Berlin-Kreuzberg und Mitte. Ohne Pause. Und das Ergebnis wurde unverändert im Kino gezeigt. Kein Schnitt. Was wäre, wenn wir 133 Minuten in One Take aufnehmen? „Total hirnrissig“, sagt der Regisseur Sebastian Schipper im Interview. Belohnt wurde das hirnrissige Risiko mit sechs deutschen Filmpreisen und dem Gewinn des Silbernen Bären der Berlinale 2015 für den Kameramann. Victoria ist weltweit der erfolgreichste deutsche Kinofilm seit „Lola rennt“. Der Erfolg von Victoria ist den beeindruckenden Schauspielern zu verdanken. Die Basis legte der Regisseur mit seiner Rebellion gegen den Stakkatoschnitt, gegen die Gleichmacherei der Filmindustrie durch immer schnellere Schnitte. Und dann kommt einer und macht 133 Minuten keinen einzigen Schnitt. Neu in der Filmgeschichte. Das Brechen von Regeln ist der erste Schritt zur Innovation.

Den Webvideopreis 2017 gewinnt WISHLIST. Gerade ist die zweite Staffel geatartet. Die gefeierte Mystery-Serie wurde von FUNK aus dem Boden gestampft und fesselt Zuschauer aller Couleur. Wenn etwas in die Hose geht, gibt es immer Besserwisser, die das schon vorher wussten. Haben Sie schon mal eine außergewöhnliche Idee von einem Besserwisser gesehen? Nein! Besserwisser sind viel zu vorsichtig, um ins Risiko des Unbekannten zu gehen. Gegen Besserwisser gibt es ein gutes Rezept, das Ben Horowitz empfiehlt: „Seid darauf vorbereitet, lächerlich gemacht zu werden.“ Doch „Aufhören? Für einen Unternehmer keine Option. Du machst etwas, das niemand vor dir gemacht hat – insofern bist du quasi permanent in einem sehr unkomfortablen Zustand.“ Natürlich werden außergewöhnliche Ideen verlacht. Umgeben Sie sich mit risikohungrige Mittäter. Suchen Sie Rat von Menschen, die selbst ins Risiko gehen, die wissen, wovon sie reden.

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So viel zu lernen

Wer nie im Risiko war, hat keine Ahnung. Wer nie seine persönliche Grenze durchbrochen hat, wer nie etwas Unerwartetes zugelassen hat, weiß nicht, was Risikoappetit bedeutet. Spinner gehen los, entdecken, bringen die Ideen mit, und oft weiß man erst Wochen oder Jahre später, ob die Idee läuft. Ohne den Dreiklang aus Mut, Risikoappetit und der Möglichkeit zu scheitern, bleibt alles stehen. Das Gehirn will Stabilität, es schafft Muster. Menschen erschaffen Organisationen als Barrikaden, um Standpunkte, Privilegien und unseren Wohlstand zu verteidigen. Muster und Organisationen helfen dabei, Energie zu sparen. Sicherlich helfen Standpunkte, Ordnung in das Meer der Meinungen bringen. Doch festgemeißelt für immer werden Standpunkte unkreativ und besserwisserisch. Sie verführen zum Stehenbleiben. Stillstand ist die scheinar sicherste Position.

Wir leben im Paradies der Chancen und Möglichkeiten und merken es häufig gar nicht. So viele Probleme, die nach neuen Lösungen schreien. Risikoaffine Grenzgänger werden am Probieren wachsen. Innovatoren lernen immer dazu, denn sie erleben Überraschungen. Reid Hoffman meint, echte Entrepreneure hörten nie auf, zu fragen: „Was kann ich noch lernen? Ich weiß, es gibt so viel mehr, das ich noch lernen kann“. Der selbst gewählte Sturm im Kopf lässt die Synapsen knallen und sich neu verbinden. Das Unerwartete regt an und formt frisches Denken. Immer derselbe Trott langweilt das Gehirn, denn Trott verstärkt bestehende Bahnen, Meinungen und Vorurteile. Persönlich wachsen kann man durch Erfolge und durch Misserfolge, der geistigen Frische nützt beides. Experimente sind für das Gehirn interessant, unabhängig vom Ausgang. Risikoappetit hält geistig jung, weil Sie nie aufhören, überrascht zu werden und Neues zu lernen. Permanent wächst Ihre Ideenfitness. Ohne neue Herausforderung kommt Stillstand.

Schließen Sie das Patentamt

Im Jahr 1899 schreibt Charles H. Duell, der leitende Angestellte des US-Patentamts, einen Brief an den Präsidenten der USA. Darin schlägt er vor, das Patentamt zu schließen. Hatte er keine Lust mehr zu arbeiten? Wurde er bestochen? Hielt er Patente für schädlich? War er gegen Aufschwung? Lehnte er Besitz grundsätzlich ab? Sah er in Patenten den Grund für Ungleichheit der Einkommen? Wollte er seine Entlassung provozieren? 1899 ist Google 100 Jahre vom Launch der Suchmaschine entfernt, kein Internet, keine Smartphones, keine Massen von Flugzeugen und Autos. Mr. Duell meinte, mit neuen Patentanmeldungen sei nicht mehr zu rechnen: „Es gibt nichts Neues mehr. Alles, was man erfinden kann, ist schon erfunden.“ 98 Jahre später gehörte ich zu den ersten drei Prozent in Deutschland, die eine E-Mail-Adresse hatten. Heute Standard. Times are changing. Always. Wie kam der Chef des US-Patentamts darauf, alles sei schon erfunden? Warum diese kolossale Fehleinschätzung? Er saß an der Quelle und las täglich Patentanmeldungen. Er sah Ideen lange vor der Öffentlichkeit. Er hatte mit Menschen zu tun wie Thomas Edison, der 2.332 Patente angemeldet hat, davon 1.093 Patente in den USA. Der Eiffelturm war erst 10 Jahre alt, als Duell jede Weiterentwicklung für beendet hielt. Er ließ er sich täuschen von allem, was er sah. Seine Welt wirkte bereits zu voll. Sein Blick war verstellt für die Milliarden Patente und Ideen, die nach 1899 kommen würden.

Wir denken: „Wie blöd war der denn!“ Mit dem Wissen von heute ist es offensichtlich, dass die Zahl der Erfindungen und Patente stark zugenommen hat. Aber sind wir anders als Charles Duell? Leben wir den täglichen Wandel? Oder verhalten wir uns im Alltag genauso verblendet wie er? Wir sind umgeben von Ex-Ideen. Alles, was wir sehen, riechen, hören, benutzen, waren einmal Ideen. Alles, was wir nicht mehr missen wollen, wurde zuerst vehement abgelehnt. Ex-Ideen sind alle Produkte und Dienstleistungen, die uns nützen. Gleichzeitig halten sie uns fest. Wir kleben am Bewährten. Dabei ist das Bewährte meistens noch gar nicht alt. Vor 40 Jahren standen in einem Hinterhof in Berlin-Schöneberg noch 31 Kühe, und die Nachbarn kauften vor der Haustür ihre frische Milch. Das Neue verdrängt das Alte. Doch zuvor klammern sich viele ans Bewährte. Standard hält uns fest, und die nächsten Ideen werden abgelehnt. Alte Ideen stehen neuen Ideen immer im Weg. Halten wir nicht auch alles Sichtbare für feststehend? Oder wissen Sie, dass nichts bleibt, wie es ist?

Leben retten oder Leid verursachen

Wie reagieren Sie auf Ideen? Sagen Sie „Willkommen“ oder „Geht nicht“? Glauben Sie, Innovation ist ein Sonderfall, die absolute Ausnahme. Oder sind Ideen im positiven Sinne normal und nicht besonders? Ist Wandel normal? Die Autorin Lolly Daskal bringt es auf den Punkt: „Die schlechte Nachricht: Nichts bleibt permanent. Die gute Nachricht: Nichts bleibt permanent.“ Ein aktuelles Beispiel: Die Geburtenrate in Deutschland steigt zum vierten Mal in Folge. 2015 war es sogar die höchste Geburtenrate seit der Wiedervereinigung 1990. Die Bevölkerung wird nicht schrumpfen – so wie jahrzehntelang prognostiziert, sondern auf 83 Millionen Deutsche wachsen.

Ideen sind ein großer Schatz. Gleichzeitig sind Ideen alltäglich. Und überall. Die Welt ist voller Ideen. Stellen wir die irrtümliche Sichtweise vom Kopf auf die Füße. Das Normale ist nicht die Tradition, sondern der Wandel. Das Normale ist der Kampf neuer Ideen gegen alte Ex-Ideen.

Das heißt nicht, dass neue Ideen immer besser sind als alte Ex-Ideen. Ideen sind so gut oder schlecht wie wir Menschen. Ideen können Leben retten oder Leid verursachen. Jeder Mensch weiß, wo er das 09/11-Desaster 2001 erlebt hat. Ich saß bei meiner Oma auf dem Sofa. Draußen rauschte das Mittelmeer. Seit zwei Jahren entwickelten Matthias Klopp und ich außergewöhnliche Ideen. Dann kam 09/11, und ich sah im TV die Türme einstürzen. Neben der Sorge um die Menschen, die in den Twin Towers arbeiteten, schoss mir spontan ein Gedanke durch den Kopf: Ich kann keine Ideen mehr entwickeln. Der Einsturz der Twin Towers ist eine so außergewöhnliche Idee. Ja, abgrundtief böse, grausam, kaltblütig, mörderisch und – aus der Sicht eines Ideenprofis – genial. Eine perfekte Idee, die alle überrascht hat und mit der niemand gerechnet hätte. Ich zweifelte an meiner Profession, der Ideenentwicklung. Wenn aus kreativer Ideenentwicklung auch eine Tat wie 09/11 entstehen konnte, dann musste ich mit Ideenfitness aufhören.

Mit etwas Abstand wurde mir klar, dass Ideen nie gut oder schlecht sind. Es gibt so viele gute und schlechte Ideen wie es gute und schlechte Menschen gibt. Wie Ideen genutzt werden, liegt an Menschen und persönlichen Entscheidungen. Rockt am Ende Ihre Idee die Welt?

Geduld und Unruhe

Obwohl ich kein großer Fußbalfan bin, erinnere ich mich noch genau an die kuriose Deutsche Fußballmeisterschaft 2001, als für wenige Minuten ganz Deutschland Schalke als Deutschen Meister feierte. Ich saß am Radio. Auf Schalke feierten die Massen. Niemand realisierte, dass in Hamburg noch gespielt wurde. Oliver Kahns Bericht über die letzten Minuten ist packend. In seinem Buch ICH. Erfolg kommt von innen ist man live dabei. In der 90. Minute schießt der HSV das 1:0 gegen Bayern München. Damit wäre Schalke Deutscher Meister. Der Kopfball war unhaltbar. Kahns Mannschaft erstarrt. Bis zur 90. Minuten war Bayern München Meister. In der allerletzten Sekunde war die Meisterschale verspielt. Der Traum zerplatzt.

Wirklich in allerletzter Sekunde? Geistesgegenwärtig läuft Kahn zum Schiedsrichter: Wie viel Zeit bleibt? Vier Minuten Nachspielzeit. „Vier Minuten. Vier Minuten Zeit haben wir noch, brülle ich über den Rasen. Stefan Effenberg versteht mich sofort, schnappt den Ball und signalisiert der Mannschaft: Es ist noch nicht vorbei! […] Ich will dieses Spiel noch drehen. 93. Minute. Indirekter Freistoß für uns. Kein Zweifel, die letzte Aktion des Spiels. Vierzehn Meter Entfernung zum Hamburger Tor. […] Dieser Ball wird reingehen, denke ich […] Der Ball fetzt wie von Geisterhand geführt an allen Hamburgern vorbei und schlägt links unten ein. Der Ball ist im Tor. 94. Minute. Das Spiel ist aus. Wir sind Deutscher Meister.”

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Das ist Durchhaltevermögen pur. Die tiefe Überzeugung, in vier Minuten das entscheidende Tor zu schießen, mobilisierte die letzten Kräfte. Die Überzeugung, es in letzter Minute der Meisterschaft noch schaffen zu können, gab den Ausschlag. Der Glaube, es zu schaffen, bedeutet nicht, dass es immer klappt. Doch die extreme Motivation auf der Zielgeraden war der Grund, dass der Ball noch ins Tor ging. Ohne die eigene Überzeugung wäre es beim 1:0 geblieben. Alle Schalker Fans hätten sich gefreut. Ein Bestseller von Anja Förster und Peter Kreuz heißt Nur Tote bleiben liegen. Die Mannschaft von Bayern München hätte liegen bleiben können. Das war halt Pech. In der 90. Minute kam ein unhaltbarer Treffer. Das versteht jeder. Da kann man nichts machen. Nächste Saison wird alles besser.

Nein. JETZT! 

Aufstehen. Weiter spielen. Hätte Oliver Kahn seine Mannschaft nicht nach vorne gepeitscht, wären alle in ihrer Schockstarre verharrt. Kahns beharrliches Vermögen machte den Unterschied. Christian Bischoff schreibt: „Probleme sind Geschenke! Du musst das Geschenk in jedem Problem finden, um persönlich wachsen zu können. Das Leben verpackt Wachstumsmöglichkeiten als Probleme […] Stück für Stück wirst du an deinen Problemen wachsen. Dazu musst du das Geschenkpapier aufmachen und dich fragen: Was lerne ich jetzt von dir? Nimm den Stolperstein – küsse ihn!“ Oliver Kahn riss das Geschenk der Nachspielzeit auf und sah die verwegene, aber mögliche Chance zum Sieg. Er blieb nicht liegen. Vier Minuten – Zeit für mehrere Torschüsse.

Was haben Sie die letzten vier Minuten gemacht? Sind Sie Ihrem Erfolg ein paar Schritte entgegen gegangen? Haben Sie Ihr Durchhaltevermögen trainiert? Sind Sie an einem Problem gewachsen? Wenn man Christian Bischoff beim Wort nimmt, sind Menschen mit vielen Problemen besonders reich beschenkte Menschen. Allerdings nur dann, wenn sie nicht liegen bleiben, sondern sich aufraffen und alle Kraft in die Lösung stecken.

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Der letzte Schuss in der 94. Minute. „Ich will, will, will…“, diesen Satz habe ich in den letzten Jahren häufig gesagt. Ich will eine Innovation im Arbeitsmarkt schaffen. Ich will, dass Menschen und Unternehmen einfach passender zueinander finden. 2007 sind wir mutig mit Younect gestartet2012 wurden wir ausgezeichnet vom „Land der Ideen“Über Silber- und Bronzemedaillen-Gewinner wurde viel geschriebenMit intelligenter Vernetzung aller Beteiligten könnten Abkürzungen in der Mitarbeitergewinnung etabliert werden. Um das Ziel zu erreichen renne ich seit zehn Jahren, habe ein hohes fünfstelliges Erbe investiert, mich zusätzlich sechsstellig verschuldet, zwei Bücher geschrieben, alles in cleverheads investiert. Habe ich mich verrannt? Bin ich zu weit gegangen? Wann laufen die letzten vier Minuten des Spiels? Keiner weiß, wie weit der Weg noch ist. Und die besten Ideen sind noch in der Pipeline. Ich freue mich auf 2018!

Innovation braucht beides. Risiko & Durchhaltevermögen. Struktur & Chaos. Chronos & Kairos. A & O. Mehr zu den 50.000 Puzzleteilen einer Ideen-Spinnung und Ideen-Umsetzung finden Sie in meinem Buch ROCK YOUR IDEA, das wir aktuell verschenken. Eine Liebeshymne auf Ideen für mutige Aufbrecher – Hardcover mit 120 Geschichten und 1.000 Fragen – Sie können es direkt hier bestellen. Humorvoll und unterhaltsam. Bereits beim Lesen sprudelt Ihre Kreativität.

 

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